Franz Müntefering

Mitglied des Deutschen Bundestages

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Thema Kinder

Zeit für Kinder

Haben Kinder Zeit für sich, haben wir Zeit für sie?

Vor einigen Jahren – die Statistik wird heute kaum anders aussehen und bundesweit auch nicht – hatten 50% der Kinder in nordrhein-westfälischen Kita's z. Zt. keine Geschwister. Mindestens zuhause sind diese Kinder als Kinder allein. In den Generationen zuvor lebten Geschwister mit Geschwistern zusammen und mit Cousinen und Cousins und lernten mit ihnen leben und erwachsen werden, erzogen sich auch gegenseitig. Dieses Stück Leben fehlt denen, die ohne Geschwister und ohne Großfamilie bleiben.

Dass wir weniger Kinder haben, ist ein Punkt, der meistens mit Bedauern angemerkt wird. Aber Kinderhaben – weniger oder mehr Kinder – ist heute die bewusste Entscheidung der potentiellen Eltern geworden und die ist nicht zu kritisieren. (Die, die gegen ihren Wunsch kinderlos bleiben, sollen nicht unerwähnt sein. Denn für sie ist das kein marginales Problem).

Besonders am Punkt Kinderzahl stellt sich die Frage, wieweit der zwischenzeitlich veränderte Gesellschaftsentwurf den jeweils individuellen Lebensentwurf beeinflusst und umgekehrt. In der Prioritätenliste haben in der Gesellschaft die Gleichstellung der Frauen, die Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und das Streben nach einem höheren Lebensstandard manchen latenten Kinderwunsch überflügelt. Und die Fälle werden nicht so selten sein, wo die biologische Uhr schneller getickt hat, als die berufliche Perspektive sich stabilisieren ließ, so dass der grundsätzliche Wunsch nach einem oder mehreren Kindern sich letztendlich nicht oder nicht mehr völlig erfüllt.

Wahr ist: In weitaus schwierigeren Zeiten, unter weitaus belasteteren Perspektiven, haben früher Eltern Kindern – oft vielen Kindern – das Leben geschenkt. Das tun potentielle Eltern heute viel zurückhaltender. Das ist Fakt. Und es bleibt dabei: Das ist nicht zu kritisieren.
Wir müssen als Gesellschaft die Interessen derjenigen Kinder, die es gibt, gut – also besser – wahrnehmen, statt über die Kinder zu räsonieren, die es nicht gibt.

Zurück zu den Einzelkindern. Das müssen keine Sonderlinge und schon gar keine Sozial-Autisten werden, aber diese spezifische Single-Erfahrung wird diese Generation mitprägen. Was weiß diese Alterskohorte als Eltern später noch von der Erziehung von Kindern, Ur-Instinkt in Ehren?

Sind sie auch alleine, so müssen sie doch nicht hungern. Das ist wahr. Zwar ist das Einkommensgefälle größer geworden, die Familien bewegen sich mit Vermögen und regelmäßigem Einkommen zwischen erstklassigem Wohlstand und harter Armut. Das trifft die Kinder, - so oder so. Die allermeisten Kinder haben mit ihren Eltern einen ausreichenden Lebensstandard. Mehr als je zuvor und einen besseren als je zuvor. Aber nicht alle. Kinder sind arm, wenn ihre Eltern arm sind. Das statistisch immer mehr Kinder als arm erkannt werden, hat hier seine Ursache.

Das Konzept der SPD gegen Kinderarmut gibt die richtigen Antworten. Eine wichtige Frage ist dabei die nach den kinderadäquaten und sinnvollen Einsätzen der entsprechenden Sozial-Transfers durch die Familien. In den allermeisten Situationen wird das ordentlich gehandhabt, eher verzichten Eltern zugunsten ihrer Kinder. Sie sind in aller Regel verlässliche Treuhänder der Kinder und mehr.

Ausreißer zu Lasten der Kinder sind aber nicht leicht erkennbar und bleiben deshalb möglicherweise im Dunklen. Was zum Beispiel offensichtlich ist: Ungesunde Ernährung der Kinder gibt es und damit ernährungsbedingte Handicaps. Und zwar nicht selten. Der gesundheitliche Standard der Kinder sinkt. Allerdings: Bei den Armen deutlicher, aber nicht nur bei ihnen. Hier geht es nicht nur um eine Armutsfolge, sondern auch um eine Erziehungsfrage generell. Überhaupt wird hier klar: Materielle Armut ist hart, emotionale Armut aber auch. Und beides ist akut.

Stichwort Gesundheit. Das hat auch was zu tun mit massiven Bewegungsdefiziten. Statt dem Ball nachzujagen, watscheln zu viele im Fan-Club-Trikot Nr. 10 zur Frittenbude. Wie wird es ihnen in 40 Jahren gehen? Oder: Wer erzieht hier zur Gesundheit? Die Luft müsste doch voll sein von Stadtteil-Kinder-Sportfesten und dergleichen. Das wäre gut gegen Fett und (man weiß es) die Bewegung der Beine ernährt das Gehirn - also gut für den Kopf.

Es wird doch in jeder Stadt 10 oder 20 (oder wie viele werden gebraucht?) fähige Menschen geben, die einen solchen Job ausfüllen können, vielleicht sogar suchen und die in oder mit Vereinen – die teils schon großartiges leisten – lokale Kinder–Olympiaden organisieren.

Stichwort Bildung. Die Chancen für Kinder sind da offensichtlich sehr ungleich verteilt. Das ist die schwerwiegendste und folgenreichste Ungerechtigkeit in unserem Land! Papas Bankkonto und Mamas Bildungsabschluss oder umgekehrt sind für die diesbezüglichen Perspektiven von Kindern um das mehrfache wichtiger als der objektive IQ des Schülers und der Schülerin.

Aber Bildung ist die Grundlage für individuelle Freiheit. Nicht Bescheid wissen, ungebildet sein, dumm bleiben, unaufgeklärt sein, - das ist Mangel an Lebensqualität dauerhaft und Mangel an Freiheit und Gerechtigkeit. Das ist unsolidarisch den Betroffenen gegenüber. Bildung ist – erst zweitens, aber nicht unwichtig – auch Bedingung für die Hochleistungsfähigkeit unseres Landes und damit für Wohlstand auch in der Zukunft.

Es ist viel im Argen in Deutschland in Sachen Bildung. Erstaunlich ist, dass alle das sagen, dass aber wirklich Entscheidendes zu selten passiert. Die Zeit drängt. Und sie ist auch reif. Es kann deshalb keine Rücksicht mehr genommen werden auf selbstzufriedene, dilettierende Bildungs-Separatismen. Schluss mit der diskriminierenden Selektion. Schluss auch mit der Illusion, das sei lediglich eine Schulstruktur–Problematik. Nein, es geht um die Idee von Erziehung, die wir verfolgen, weil wir eine Idee haben vom Recht des Individuums und von der Gesellschaft, in der wir leben wollen.

Das Wort Erziehung wird selten gebraucht, irgendwie scheint es im Verdacht, das Gegenteil von Kinderliebe zu bezeichnen oder –andere Richtung– eine ziemliche Herausforderung zu meinen. Manche Eltern wollen nicht streng sein und manche wollen sich nicht anstrengen. Das Ergebnis ist gleichermaßen problematisch.

Ohne Erziehung geht es aber nicht. Und jeden Tag geschieht Erziehung. Denn jede Mutter, jeder Vater, jede Lehrperson erzieht. Die Frage ist nur: Wie? Verhätschelung, Überforderung, Desinteresse sind auch Formen von Erziehung und nicht die Seltensten.

Was ist Erziehung? Bewusst die Verantwortung übernehmen für einen heranwachsenden Menschen, damit der sich zu einer freien Persönlichkeit entwickeln und selbst verantwortlich wirken kann. So oder so ähnlich: -begleiten nicht bestimmen, anregen nicht vorsagen, Mut machen nicht Angst machen, Vertrauen aufbauen und loslassen.

Es ist nicht Aufgabe der Politik, sich individuell einzumischen. Die Hauptverantwortung haben die Eltern. Andererseits ist Politik –weil Gesellschaft- hochgradig betroffen von den Ergebnissen der Erziehung. Sie muss deshalb interessiert sein, dass Erziehung gelingt, zumal was die Individualrechte und was generelle ethische und was Aspekte des Zusammenlebens und der Demokratie angeht. Also kann Politik nicht tatenlos zusehen, wenn Erziehung nur Nebensache der Gesellschaft ist.

Die Politik hat das Recht und die Pflicht, sich Gedanken zu machen über zeitgemäße Erziehung. Mindestens über die Rolle, die sie, - die Gesellschaft und in ihr die Politik – dabei hat. Die Gesellschaft ist das legendäre ganze Dorf, das laut afrikanischer Weisheit für die Erziehung erforderlich und verantwortlich ist.

Keine Angst, das endet hier nicht bei der Propagierung eines Erziehungsministeriums. Aber doch bei der Wahrheit, dass es nicht ins Belieben der Eltern gestellt ist, was sie mit ihren Kindern machen oder nicht machen, denn hier geht es um den Anspruch des einzelnen Kindes auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und es geht –danach- um die gesellschaftlichen Kosten, die durch falsche Erziehung entstehen.

Ich bin sicher, wir haben –zuhause, in der Vorschule, der Schule, dem Betrieb, der Uni- viele gute Erzieherinnen und Erzieher in unserem Land. Sie leisten auch Beachtliches. Die zahlreichen offenen, lebendigen, selbstbewussten jungen Menschen, denen man begegnet, wachsen ja nicht von allein so heran.

Aber das Thema dieser erfolgreichen Erzieherinnen und Erzieher spielt in unserer Gesellschaft kaum eine Rolle. Wer holt es aus der Ecke der Spezialisten und der Nebensächlichkeiten? Wieso ist es eigentlich dort? Die allseits präsente und allseits dominante und allseits kritisierte Ökonomisierung unseres Lebens trifft den Tatbestand nicht umfassend, zeigt aber das Problem. Unser Land – seine Menschen- macht sich Sorgen um Wohlstand und soziale Gerechtigkeit für heute und dauerhaft; macht sich aber keine oder sehr viel weniger Sorgen darum, was aus seinen Kindern und Jugendlichen wird. Und das ist gefährlich falsch. Denn es werden gesellschaftliche Ergebnisse erwartet, ohne zuvor deren Bedingungen zu beachten und möglichst auch zu erfüllen. Wenn wir über die Zukunft sprechen, kommt es auf die Menschen an, die erwachsen werden. Vor allem darauf.

Wer erziehen will, muss selbst die richtige Orientierung haben. Da haperts auch. Wir wissen recht gut, was alles nicht –mehr- gilt. Wir sind aber unsicher, was gilt und was werden soll.

Eine gründliche Debatte über Erziehung wird das Land an Fragen der Freiheit und der Verantwortung, der Demokratie, der Gerechtigkeit und der Solidarität heranführen.

Wir sollten beginnen, indem wir die Verantwortlichen in Kommunen, Ländern und Bund beauftragen, ein Konzept für das kommende Jahrzehnt zu entwickeln. Die Ideologen werden quietschen. Gut so.

(Überhaupt: Das kommende Jahrzehnt. Es wird Zeit, sich das bald genauer anzusehen. Die neue Regierung Ende 2009 wird sofort mit der Nase darauf stoßen. Die Herausforderungen –national und international– sind recht präsent. Ein „Jahrzehnt des Durchwurschtelns“ wäre für Deutschland unverantwortlich. Das gilt nicht nur für Zeit für Kinder.)

Haben die Kinder Familie? Ja, fast alle. Immer mehr von ihnen in bunter Vielfalt. Die meisten aber in der klassischen Form; Mutter und Vater, die dauerhaft verheiratet sind. Nicht wenige bei einem alleinerziehenden Elternteil, ganz überwiegend ist das die Mutter. (Da, übrigens, taucht die Erziehung in der Alltagssprache wieder auf: Allein erziehend. Anstrengung schwingt mit. Auch Respekt.)

Was bedeutet das Familien-Potpourri für die beteiligten Kinder?

Ich kenne keine Statistik über Kindesglück, das an eine bestimmte Familien-Konstellation dieser oder jener oder ganz anderer Art gebunden wäre. Kindesglück, so unbestimmt es auch sein mag und ungeeignet für politische oder wissenschaftliche Wertungen, ist jenseits aller Messbarkeit aber ganz sicher nicht unwichtig für das, was oben mit Erziehung angesprochen ist.

Der Mensch – Mutter und/oder Vater und/oder jemand anderes-, der dem Kind Sicherheit gibt und –bedingungslos- Liebe, verkörpert die Familie, die jedes Kind als sicheren Hafen braucht.

Noch im vorvorigen Jahrhundert waren Kinder junge Erwachsene. Kindheit war sehr kurz, Jugend gab es nicht. Sie waren dazu bestimmt, so schnell wie möglich zu ihrem Lebensunterhalt und dem ihrer Familie beizutragen. Sie waren nicht –überwiegend- um ihrer selbst willen in dieser Welt. Liebe von Eltern zu ihren Kindern hat es ganz sicher auch gegeben. Aber die Schlaggeschwindigkeit der gesellschaftlichen Veränderungen war eine andere als heute, viele Menschen starben jung und dass die Würde jedes (!) Menschen unantastbar ist, das war ganz überwiegend noch nicht akzeptiert.

Die Gesellschaft sah sich nicht in einem rasenden Prozess der Veränderung mit ungewissem Ausgang, sondern sehr viel mehr in einer menschlichen, dörflich-kleinstädtischen, oft auch religiösen Gemeinschaft mit festen Formen und Regeln. Es war wie es war. Die Zeit plätscherte dahin und raste nicht vorbei. Und die neuen Menschen, die Kinder eben, hatten sich einzufügen und ihre Rolle zu übernehmen. Das Statische, das Konservative dominierte. Das niedrige Mobilitätsniveau bewirkte auch gesellschaftlich Kontinuität. Alles war immer schon so gewesen und würde im Wesentlichen auch so bleiben.

Auch heute beginnt die Welt nicht mit jedem Menschen neu und immer noch ist das träge Evolutionäre als Prinzip bestimmend und nicht die Brüche oder gar Revolutionen. Aber es ist unklarer für die Eltern, wohin und wofür sie ihre Kinder erziehen sollen, wenn das in deren Sinne geschehen soll. Man mag sich lustig machen über die Unsicherheit der Erziehenden, über die schier endlose Literatur der Elternratgeber und über Kinderfernsehen morgens um sechs, - da spiegeln sich auch die Ratlosigkeit der Gesellschaft der Erwachsenen, ihre eigene Unsicherheit, ihr Gegenwartsstress und ihre Zukunftszweifel.

Der eine –scheinbare- Ausweg heißt: Persönlichen Wohlstand sichern, wie auch immer. Das Kind optimal ausstatten und ihm so auch für morgen seinen Platz im Wohlstandsspiel garantieren. Wer könnte da abschwören? Aber was ist die Konsequenz:

Das Lernen kann nicht früh genug anfangen, es kann nicht intensiv genug stattfinden. Früher in die Schule! Aber länger drin! Oder früher an die Universität! Aber dort schneller fertig! Alles können! Schnell! Aber auch die neuzeitlichen Jahre haben nur 8.760 Stunden. Kinderarbeit an gefährlichen Maschinen gibt es nicht mehr in Deutschland (anderswo schon). Unkraut jäten, Kartoffeln lesen und Ziegen hüten müssen die Kinder auch nicht mehr, aber geht es ihnen besser? Und was heißt hier besser gehen?

Haben sie Zeit, sich zurechtzufinden und ihre eigenen Wege in die Zukunft zu finden, die wir Erwachsenen noch für uns suchen: Zeit haben ganz praktisch. Zeit fürs Lernen. Zeit zum Bummeln. Zeit für Schatzsuche. Zeit fürs Unwichtige. Zeit für Irrtümer. Zeit fürs Spielen. Zeit fürs Gelingen. Zeit für Anstrengung. Zeit für Erfolge. Zeit zu leben. Und haben wir Zeit für sie?

Ich kenne die Argumente, die kommen. Ja, ja. Dies ist zu bedenken und jenes.

Zum Beispiel: Sich anstrengen lernen ist nötig und macht stark. Kinder fordern ist zu ihrem eigenen Nutzen. Klar. Aber irgendwo gibt es in jedem Dilemma eine Kernfrage, die mehr als alle anderen den Weg weist aus dem Durcheinander und den widerstrebenden Interessen. Und hier – an dieser ganz zentralen Stelle – heißt die Frage, meine ich: Haben unsere Kinder genügend Zeit für sich? Und haben wir Zeit für sie?

Was hat es überhaupt auf sich mit der Zeit?

Dies ist eine zeitreiche Gesellschaft. Wir haben mehr Lebenszeit und mehr Freizeit als je Generationen vor uns. Damit kann man was Vernünftiges anfangen oder auch nicht.

Unsere Arbeitszeit ist – alles in allem – kürzer.

Unsere Rentnerzeit ist – erheblich – länger.

Weniger Menschen müssen mit größerer Leistung den Wohlstand aller garantieren. Aber: Immer mehr Menschen sind immer länger ohne konkrete Aufgabe in der Gesellschaft und frei in der Gestaltung ihrer Zeit. 10 Jahre länger leben heißt 88.000Std. mehr Lebenszeit haben. Das ist weit mehr als die Berufsarbeitszeit des ganzen Lebens.

Es gibt lange Weile. Die Zeitarmen sind die Aktiven, die Eltern und die Kinder. Die Zeitreichen sind die Nicht-Eltern, die Kinderlosen und die Älteren. Kann man aus diesem Zeit-Ungleichgewicht was Vernünftiges machen?

Tausend praktische Gründe sprechen dagegen. Aber das ist keine Antwort und keine Lösung.

Also: Mehr Eltern mit Zeit, mehr Erzieherinnen und Erzieher mit Zeit, mehr Lehrerinnen und Lehrer mit Zeit für Kinder. Mit Zeit, die nicht den Kindern deren Zeit nimmt. Wie ist das möglich?

Zeitbalance – die richtige Mischung aus Pflicht und Kür -, darunter kann man sich vieles vorstellen. So manches geht unkonventionell, ausgerichtet am praktischen Bedarf. Denn die Bedingungen sind unterschiedlich, z.B. je nach regionaler Infrastruktur. Die Lebensentwürfe müssen sich ändern. Werden sich ändern. Ändern sich schon.

Ältere Zeitreiche werden neue Rollen haben.

Aber deren Zeitreichtum wird auch gebraucht für ein wachsendes Zeitproblem – das sich aufbauen wird in den kommenden Jahrzehnten –, in dem es um den Betreuungsbedarf und Integrationsbedarf Älterer geht.

So heißt Zeit schaffen für Kinder wohl vor allem, soweit Politik gefordert ist: Mehr investieren in Zeit–haben–für-Kinder. Das erfordert den Blick fürs Problem, die Bereitschaft zur Konsequenz, den Einsatz von Geld.

Da auch diese Aufgabe in Konkurrenz steht zu anderen auch wichtigen, muss genau bedacht werden, wo ein Mehr an Geld für die Kinder den besten Effekt hat.

Bleibt das weite Feld der Vereinbarkeit von Familienzeit und Berufszeit. Tausendmal erörtert. Hundertemal in allen Varianten teilgelöst oder gelöst, oft gescheitert.

Die Elternzeit- und damit Elterngeldregelung bei Eltern von Neugeborenen ist ein praktikabler, sinnvoller, auch teurer, prinzipiell ausbaubarer Weg. Ein Kompromiss jedenfalls für eine bestimmte, eingegrenzte Phase der Familie. Und ein schönes Beispiel für die Vielfalt der Interessen, die hier – alle bedeutsam und respektabel – miteinander um die Priorität konkurrieren, besser: Um den vertretbaren Kompromiss.

Das Interesse der Unternehmen, voll leistungsfähige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu haben, die verlässlich zu vereinbarten Zeiten für das Unternehmen arbeiten, ist legitim. Dass das nicht zwingend die klassische Arbeitszeit Montag bis Freitag, 07.00 – 16.00 Uhr, bedeuten muss, ist Binsenweisheit und längst Lebenswirklichkeit. Zahlreiche Unternehmen haben zudem begriffen, dass das weitgehende Eingehen auf die Bedürfnisse der Familienzeiten möglich und für sie als Unternehmen sogar lukrativ ist. Denn wo Berufszeit und Familienzeit kompatibel gehalten werden, wachsen Zufriedenheit und Leistungskraft der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Das Interesse der Unternehmen, am Arbeitsmarkt die Guten und möglichst die Besten für sich gewinnen zu können, spielt –zunehmend- eine Rolle. Das gilt insbesondere für die nachwachsende Generation von Frauen, die, gut ausgebildet, qualifiziert und tendenziell berufswillig bis berufsbegeistert sind. Unternehmen, die darauf keine Rücksicht nehmen (wollen), verschließen sich selbst wichtige Potentiale.

Das Interesse vieler Frauen, ihre Berufschancen zu suchen und wahrzunehmen, erfordert eine neue Balance von Familienzeit und Berufszeit. In der Vergangenheit – und vielfach auch noch heute – ging dieses Spannungsverhältnis von Aufgaben in der Familie und den Chancen einer beruflichen Perspektive vor allem zu Lasen der Frauen und Mütter.

Zunehmend übernehmen auch Väter –zumal die jungen- Familienaufgaben. Das ist ermutigend. Es ist gut für die Situation in der jeweiligen Familie, aber keine generelle Lösung des Problems, falls damit die Berufschancen solcher junger Väter - wie bisher nicht selten bei den Müttern - eingeschränkt würden. Man wird die Entwicklung diesbezüglich genau beobachten müssen.

Das Interesse der Kinder, Zeit zu haben für sich und Eltern und andere Vertrauenspersonen zu haben, die Zeit haben für sie, spielt in der Debatte zu diesen Fragen üblicherweise keine so große Rolle. Sollte es aber. Gleichstellungs- und ökonomische Fragen allein, so wichtig sie sind, garantieren nicht alle nötigen Antworten zu diesem Themenkomplex. Unsere Gesellschaft ist nur gut organisiert, wenn sie diese Zeit für Kinder hat. Sie muss sie sich nehmen.

Das Interesse der Gesellschaft, Lebensqualität zu ermöglichen, jedem jungen Menschen gleiche Lebenschancen zu geben, Gerechtigkeit – auch durch Lebensperspektiven und Berufschancen – für alle und Wohlstand durch erfolgreiche Ökonomie dauerhaft zu sichern, stellt nicht automatisch die Interessen der Kinder in den Mittelpunkt. Eher oft an den Rand. Sie gehören aber in den Mittelpunkt. Bildung und Erziehung und Zeit haben. Denn dort – bei den Kindern und Heranwachsenden – entscheidet sich mehr als irgendwo sonst, wie es weitergeht in unserem Land.

Ein Plädoyer für Kinderpolitik. Nicht sentimental oder weil es so wenige Kinder sind und sie unser Human-Kapital wären oder weil sie im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf die Schwächsten sind. Ein Plädoyer für Kinderpolitik, weil die Würde des Menschen dort beginnt und damit die Freiheit des Einzelnen und weil auch die Gerechtigkeit dort beginnt und weil sich dort die Zukunft entscheidet.

Richtig, Kinder sollen nicht die Stars der Familie sein, um die sich alles dreht und Eltern nicht – sich aufopfernd – die Diener ihrer Kinder. Richtig auch, in keiner Zeit vor dieser wurden Interessen von Kindern so aufmerksam bedacht und oftmals auch beachtet. Das Letztere allerdings in einem gesellschaftlichen Gefälle, wie es dies so noch nie gegeben hat in unserem Land.

Erleben wir – bei den Engagierten - eine Ökonomisierung der Bildungs- und Erziehungsziele, die dem gesellschaftlichen Ziel Gerechtigkeit widerspricht, weil sie in frühestem Alter die Lebens- und Berufschancen der Kinder und Heranwachsenden definitiv mit unabweisbaren Konsequenzen festzurrt? Wachsen da hochleistungsfähige Egozentriker heran, die von Verantwortung als Kehrseite der Freiheit, die von Solidarität mit den Schwächeren nichts wissen und nichts von der Lebensqualität einer menschlichen Gesellschaft?

Oder sind wir gerade dabei, in einem aufklärerischen Akt von historischer Dimension eine Generation von Freien und Verantwortungsbewussten zu erziehen, die viel leisten können und wollen und zu denen aufzuschließen immer mehr jüngeren Menschen gelingen kann und gelingt, weil dies eine Gesellschaft sein wird, die es ernst meint mit dem Demokratischen und dem Sozialen?

Und wer hilft den Familien, die –weil sie es nicht besser wissen können- desorientiert oder unfähig sind zu einer vernünftigen Erziehung? Den Familien und damit auch ihren Kindern, damit sie nicht stranden, bevor ihr Leben richtig beginnt.

Wer ermutigt und bestärkt diejenigen – hoffentlich vielen -, die in einer Zeit des gesellschaftlichen und familiaren Umbruchs hellsichtig und engagiert die Kinder sinnvoll ins Leben führen, jenseits von idealistischem oder ökonomischem Perfektionismus?

Nochmals: Die, die erziehen, müssen eine eigene Vorstellung haben von der Gesellschaft, in der sie leben wollen, und von deren Menschenbild, um den Kindern Orientierung geben zu können und Lust auf ein solches Leben. Und diese Vorstellung haben wir doch – oder? Legen wir unseren Gesellschaftsentwurf auf den Tisch und zeigen wir, dass er kompatibel ist mit den individuellen Lebensentwürfen – und umgekehrt.

 

Aktionsplan für gleiche Lebenschancen: 10 Maßnahmen der SPD gegen Kinderarmut [PDF-Dokument]

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