Franz Müntefering

Mitglied des Deutschen Bundestages

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Reden und Aufsätze

Mehr Ältere in Arbeit

Rede anlässlich der abschließenden Beratung der Gesetzentwürfe zur Initiative 50plus und zur „Rente mit 67“ im Deutschen Bundesrat am 30. März 2007

Wir leben länger. Und das gut und schön und auch überwiegend gesund. Länger leben ist ja besonders schön. Das erinnert aber auch an die Biografien und Erwerbsbiografien.

Wir gehen nicht mehr mit 14 oder 16 in den Beruf, sondern im Schnitt mit 21. Und wir arbeiten bis 60 oder 61, das sind 39 Lebensarbeitsjahre, die insgesamt im Schnitt raus kommen. 1960 haben wir zehn Jahre lang Rente gezahlt, wir machen das im Moment 17 Jahre. Wir werden im Jahre 2025/30 etwa 20 Jahre Rente zahlen.

1960 kamen auf einen Rentner acht Beschäftigte, jetzt kommen auf einen Rentner 3,2 Beschäftigte, im Jahr 2030 kommen auf einen Rentner 1,9 Beschäftigte.

Man kann das alles ignorieren, vernünftig ist das nicht. Wenn man ganz einfach rechnet, weiß man: Das wird Konsequenzen haben und die Konsequenzen müssen vernünftig und generationengerecht sein. Und das, was wir jetzt vorschlagen, was der Bundesrat, hoffe ich, heute auch beschließt, ist eine vernünftige Regelung, sinnvoll und auch generationengerecht.

Es gibt eine Frage, mit der man natürlich immer konfrontiert ist: Haben die Älteren eine Chance am Arbeitsmarkt? Gibt es Arbeitsplätze?
Wir haben in den letzten Tagen festgestellt, bei der Vorlage der Meldungen zum Arbeitsmarkt, dass es fast 870.000 Arbeitslose weniger gibt als vor einem Jahr. Wenn wir nicht alle so einen Hang hätten zur Depression, würden wir uns richtig freuen. Denn das ist eine richtig schöne Zahl. Darauf kann man stolz sein miteinander.

Natürlich ist es nicht gut genug; es bleibt viel zu tun. Wir bleiben auch bemüht, das noch besser zu machen.

In den 870.000 stecken 180.000 über 50-Jährige, die weniger arbeitslos sind. 180.000 Menschen über 50 sind weniger arbeitslos als vor einem Jahr!

Und Sie beschließen heute - ich hoffe das - gemeinsam mit der Anpassung des Renteneintrittsalters die Initiative 50plus. In dieser Initiative 50plus helfen wir mit Kombilohn, mit Eingliederungszuschuss, mit Weiterbildung und mit Veränderungen bei befristeter Beschäftigung, das Ältere eine Chance haben, im Erwerbsleben zu bleiben oder wieder ins Erwerbsleben zu kommen.

Wir haben von Europa einen Auftrag, im Jahre 2010 so weit zu sein, dass 50 Prozent der über 55-Jährigen berufstätig sind. Das waren 1998 37,8 Prozent, das waren Ende 2005 45,4 Prozent und das sind Ende 2006 48,9 Prozent gewesen. Ich bin sicher, wir werden die 50 Prozent gut erreichen.
Und ich möchte diese Gelegenheit hier heute nutzen, um von mir aus zu sagen: Ich möchte das Ziel anspruchsvoller setzen. Wir möchten, dass im Jahre 2010 nicht nur 50 Prozent der über 55-Jährigen Arbeit haben, sondern 55 Prozent.

Ich glaube, dass wir das schaffen können. Wir müssen uns anspruchsvolle Ziele setzen. Die meisten Unternehmen wissen, dass fast immer ein vernünftiger Altersmix sinnvoll ist, dass er gut ist für die Betriebe. Die Älteren sind kein altes Eisen, die können was und man muss das vernünftig miteinander verknüpfen.

Die Erwartung wird sein an Arbeitgeber und Gewerkschaften, dass sie mithelfen dabei. Dass sie in ihren Tarifverträgen dafür sorgen, dass sie die 50- und 55-Jährigen nicht weiter aussortieren, wie wir es leider über lange Zeit gemacht haben. Und man muss auch zugeben: Wir haben ja alle dazu geklatscht. Aber man ist auch klüger geworden. Man muss dies fundamental verändern.

Diese Gesetze, die heute hier endgültig beschlossen werden, müssen ergänzt werden um eine bessere Humanisierung der Arbeitswelt. Das Thema ist ein bisschen verloren gegangen, da waren wir schon mal weiter. Die schweren Arbeitsunfälle sind weniger geworden. Aber Augen, Rücken, Haut, Psyche sind Probleme, die zunehmend auf uns zukommen und die für die Gesellschaft im Übrigen auch teuer werden.

Es wird teurer, wenn die Gesellschaft nicht präventiv stärker als bisher darauf eingeht. Und da werden wir noch gemeinsam Dinge miteinander zu beschließen haben, wie auch in Bezug auf die Altersvorsorge.

Die betriebliche und die Riester-Rente: 20 Millionen Menschen sind in solchen Vorsorgesystemen drin. Und die haben dann auch die Möglichkeit, sich mit der gesetzlichen Rente, die der Kern des Ganzen bleiben wird, so den Wohlstand im Alter zu sichern.

Die Zahl 67 wird oft als eine starre Formel verstanden, was falsch ist. Herr Laumann hat einiges davon schon aufgezählt. Es gibt auch in Zukunft die alte klassische Altersteilzeit. Es gibt die Möglichkeit der Zusatzbeiträge. Das heißt, wer einzahlt, kann den Abschlag, den in Kauf nehmen muss, wenn er früher geht, reduzieren oder ganz vermeiden.

Es gibt die Teilrente, die Drittel- oder die halbe Rente, die man vorzeitig bekommen kann. Es gibt die Wert- und Zeitrenten.
Und jetzt müssen wir uns in der Politik allerdings eines überlegen. Und da liegt auch meine Skepsis gegenüber dem, was Nordrhein-Westfalen vorgeschlagen hat.

Wollen wir wirklich, dass die Politik alles dies bis ins Detail regelt? Ist das nicht eine Sache, die die Tarifparteien miteinander zu besprechen und zu klären haben? Ich empfehle sehr, dass wir ihnen Luft lassen. Die können gestalten, das ist auch ihre Aufgabe.

Es gibt die Möglichkeit - jetzt mit 65 oder dann später bei 67 - flexibel mit dem offiziellen Renteneintrittsalter umzugehen. Und das müssen die Tarifparteien auch versuchen zu nutzen. Wir gehen auf alle Fragen, die es dazu gibt, ordentlich ein.

Das Wichtigste ist aber: Nicht vergessen, dass es darauf ankommt zu lernen, altersgerechte und alternsgerechte Arbeitsplätze zu entwickeln. Das muss man wollen. Man darf die 55-Jährigen nicht herausschieben wollen, wie es die großen Unternehmen noch immer machen. Die kleinen und mittleren Unternehmen gehen damit schon meistens sehr viel vernünftiger um.

Wir müssen dafür werben, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der älter werdende Menschen auch im Beruf eine Chance behalten. Das ist sinnvoll, das ist mutig und das ist auch, ich sage es noch einmal, gerecht gegenüber der Generation, die nach uns kommt. Das geht nicht immer, aber das geht an sehr vielen Stellen und in sehr vielen Stellen.
Und ich glaube, das wir mit der Entscheidung heute zum Altersgrenzenanpassungsgesetz und zur Initiative 50plus einen vernünftigen Weg gehen, der auf der Strecke weiter verbessert, ausgeführt und präzisiert werden kann und muss - einen Weg aber, der die Gesellschaft in eine vernünftige Richtung führt.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!


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