Franz Müntefering

Mitglied des Deutschen Bundestages

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Reden und Aufsätze

Helfer fallen nicht vom Himmel - Caritas und Spiritualität

Zur Vorstellung des Buches von Paul Josef Kardinal Cordes am 26. Mai 2008

Dass das Gebot der Nächstenliebe in der Nachfolge Jesu Christi nicht platonisch gemeint ist, sondern praktisch-konkret, -das wusste man.

Dass dabei als Nächster der Nahe gemeint ist, aber der Ferne auch, - das ist auch selbstverständlich; ist sogar in dieser Zeit der globalen Wirklichkeit für die globale katholische Kirche noch zwingender als in vergangenen Zeiten.

Insofern fand ich die Idee zu diesem Buch, - sich Gedanken zu machen zu den HELFERN, DIE NICHT VOM HIMMEL FALLEN, - interessant und zeitgemäß. Helfer und Helferinnen übrigens. Dass der Titel nicht gegendert ist, fällt auf. Die katholischen Helferinnen werden sagen: typisch Rom.

Ich habe mich jedenfalls gefreut über die Einladung von Kardinal Cordes an mich, hier bei der Vorstellung etwas zur Sache und zum Buch im Speziellen zu sagen.

Die Freude ist ungetrübt.

Aber die Aufgabe ist komplizierter, als ich im ersten Augenblick gedacht hatte. So geht es einem, wenn man sich mit seiner Kirche einlässt. Zumal als Politiker.

Die Schwierigkeit ergab sich für mich aus dem Untertitel:
CARITAS UND SPIRITUALITÄT.

Denn im Buch – entdeckte ich beim Lesen – ist „Caritas und Spiritualität“ nicht der Untertitel, sondern Hauptsache, tragende Idee und Botschaft: Caritas ist gut, aber sie braucht den richtigen Geist, den Bezug zur Liebe Gottes. Jesus war kein Sozialpolitiker, der Menschen heilte und ihnen zu essen und zu trinken gab, sondern er sorgte sich um die Bedürftigen immer unter Bezug auf die Liebe des Vaters im Himmel. – So die Botschaft.
Der Papst in seiner Enzyklika DEUS CARITAS EST – Gott ist die Liebe – und Kardinal Cordes als Präses des Vatikanischen Rats COR UNUM in diesem Buch, sind da eindeutig.

Papst Benedikt schreibt in seinem Geleitwort:
„Die soziale Fürsorge der Caritas ist nie bloß pragmatischer Vorgang, sondern sie kommt aus den tiefen Wünschen der Gemeinschaft mit dem sich schenkenden Herrn, aus der Dynamik der sich uns mitteilenden Liebe Gottes“. Der Papst forderte die Katholiken in Deutschland auf, „dass die Hilfswerke in ihren Programmen und Aktionen wirklich diesem inneren Impuls der vom Glauben gedrängten Liebe entsprechen“.

Bei Kardinal Cordes lesen wir, - an verschiedenen Stellen:
„Darum kann aus christlicher Sicht auch für die perfekte Sozialordnung des Gemeinwesens nicht auf die Liebe verzichtet werden, deren Quelle Christus in seiner freiwilligen Selbsthingabe ist.

„DEUS CARITAS EST macht noch besser einsichtig, warum der Papst alles christliche Helfen ostentativ an den Glaubensgrund bindet“.

Die Schule der Nächstenliebe steht und fällt demnach mit ihrer spirituellen Dimension.

Und die Enzyklika ist keine in der Reihe der Sozialenzykliken, sie ist vielmehr Basisdokument kirchlicher Liebestätigkeit.

Verfassungsrichter di Fabio lässt sich in seinem Beitrag darauf ein, indem er zwischen wertrationalem Handeln und zweckrationalem Handeln unterscheidet. Wertrational heißt: Im Dienst seiner Überzeugungen.

Zweckrationales Handeln dagegen begegnet dem anderen in förmlichen Beziehungen, …. weitaus nüchterner.

Di Fabio stellt fest: Die Hinwendung zu Menschen in Not kann auch für COR UNUM gerade nicht Ausdruck einer auf tiefere Begründung verzichtenden, unbestimmten philantropischen Grundstimmung einer nur noch zweckrational-säkularen Gesellschaft sein, sondern nur ein zentraler Glaubensinhalt.

Wie soll man als Politiker umgehen mit solchen Ansprüchen?
Im Bundestag – wenn wir diskutieren und entscheiden – ist das alles sehr engagiert, aber eben doch zweckrational, wenn es um die soziale Ordnung des Landes und der Welt geht, um organisierte und individuelle Solidarität. Auch konkret um Hilfe für Pflegebedürftige, um Forschung im Dienst medizinischen Fortschritts, um Schutz der Kinder vor Verwahrlosung, um Vermeidung von Armut, um Verbesserung des Gesundheitswesens, um Förderung von Ehrenamt und Freiwilligendienst, um die Stabilisierung unserer großen sozialen Sicherungssysteme, um Entwicklungshilfe, um Linderung der Not in der Welt.

Die sehr persönlichen Motive der Abgeordneten sind sicher zutiefst unterschiedlich. Die Christen und Nichtchristen reden und handeln aber gemeinsam auf der Basis unseres Grundgesetzes, das dieses Land als demokratischen und sozialen Rechtsstaat will. Wir handeln gemeinsam auf der Grundlage von Werten, die die meisten in der Politik wohl am ehesten als Humanismus und Solidarität kennzeichnen würden.

Und man ist gut beraten, dabei den gläubigen Politikern nicht mehr Caritas Nächstenliebe zuzubilligen als den anderen. Die realen Fakten gäben das auch nicht her.

Ist die organisierte Solidarität des Sozialstaates und die Arbeit der Politik im Dienst dieser Maxime nun eine Caritas minderer Art, weil die Motive so unzureichend wären?

Oder geht es in der Politik nach Meinung der Kirche überhaupt nicht um Caritas?

Vielleicht weil dies alles Formen indirekter Solidarität sind, nicht Liebe am Nächsten unmittelbar? Aber was ist dann mit den großen kirchlichen Organisationen, die auch Regelhaftigkeit, Buchführung, Organisation, Arbeitsverträge und Bürokratie kennen?

Nun richtet sich die Erwartung der Enzyklika und dieses Buches ja nicht an die Politik. Genau das nicht. Sie richtet sich an die Mitglieder der Kirche, an die Gläubigen, und versucht ihnen zu vermitteln, was richtige Caritas ist.

Das steht der Kirche selbstverständlich zu. Was bedeutet es für die politisch Handelnden? Muss Nächstenliebe individuell sein? Schließen Caritas und Organisation oder Distanz oder Pragmatismus sich aus?

So und so. Für die Gesellschaft ist es nicht unwichtig, was die katholische Kirche hier sagt. Und für uns als handelnde Politiker schon gar nicht.
Es ist unbestreitbar Verdienst unserer Religionen – des Katholizismus zumal -, die Liebe zum Nächsten zur Maxime allen Handelns erhoben zu haben.

Mit der Bergpredigt definierte Jesus Christus eine Nächstenliebe – Caritas, die unmittelbar war und absolut. Mit dem Anspruch „Liebt Eure Feinde“ setzte sich Gottes Sohn über Klassendenken hinweg, auch über Rassismus oder Nationalismus übrigens.

Dass die Kirche selbst dem in der Geschichte nicht genügte, ist wahr. Es macht aber die Maxime nicht falsch. Die eigene Bedürfnislosigkeit, und die liebende Hinwendung zum Nächsten, die von der frühen Kirche und dann von Teilen der Kirche vorgelebt wurde, war überzeugend. Das war ein Paradigmenwechsel von historischer – menschheitsgeschichtlicher – Dimension. Und die große Idee der Liebe zum Nächsten war, ist und bleibt unverzichtbar. Es verwundert fast, dass die Kirche nicht offensiver diese Wahrheit für sich reklamiert und deutlicher macht, dass dies der Schlüssel ist für eine menschliche Perspektive in unserer krisengeschüttelten Welt. Eigentlich wissen das doch ganz viele.

Allerdings ist in diesen zwei Jahrtausenden seit Jesu Christi auch die Einsicht gewachsen, dass es klug ist, den Hungrigen nicht den Fisch zu geben, sondern Netze, mit denen sie sich selbst Fische fangen können und Voraussetzungen schaffen können, die sie und die ihnen Anvertrauten vor Bedürftigkeit schützen. Wohlstand ist erlaubt, das Gelübde der Armut auch in der Kirche eher exotisch. Armut ist kein Ideal mehr. Arbeiten, um sein Leben aus eigener Kraft führen und gestalten zu können und nicht abhängig zu sein von der Bahnherzigkeit anderer, ist eine wichtige Pflicht.

Nicht das Vertrauen darauf, dass der liebe Gott schon Getreide wird wachsen und Wasser wird fließen lassen. Aber das muss die Theologie beantworten.

Als Politiker stehe ich vor dieser Wirklichkeit:
Zur Zeit Jesu Christi lebten etwa 300 Millionen Menschen auf der Welt, im Römischen Reich rd. 50 – 60 Millionen. Um 1650 waren es rund 500 Millionen weltweit. Seitdem haben wir einen exponentiellen Bevölkerungszuwachs: Rund 1 Mrd. Menschen waren es im Jahr 1800. Rund 1,65 Mrd. bis 1900. Heute sind es 6,3 Milliarden Menschen. Und 2050 werden es rd. 9,1 Mrd. sein. Die brauchen zu essen, zu trinken, zu kleiden, brauchen Medizin, Wohnung, Bildung. Hier reicht die Lehre der Nächstenliebe nicht aus. Es muss gehandelt werden. Schnell und umfassend. Wir haben keine Zeit, die Reinheit der Lehre von der Nächstenliebe zu suchen. Wir müssen von der großen Zahl der einzelnen Hilfsbedürftigen her denken, nicht von der Makellosigkeit der Caritas. Wir müssen politisch-pragmatisch handeln und Solidarität organisieren. Das nützt jedem, der gerettet wird; ob ich dabei im Sinne der Kirche gerechtfertigt bin, weiß ich nicht.>

Angesichts der wachsenden Not in der Welt ist es nicht möglich, - ich sage: moralisch nicht erlaubt -, auf Gesinnungs-Nächstenliebe zu setzen, es muss Verantwortungs-Solidarität praktiziert werden. Wir müssen – Katholiken oder nicht, Christen oder nicht – uns unterhaken und etwas Konkretes für die soziale Ordnung dieser Welt tun. Die Not muss bekämpft werden. Der Kapitalismus muss gezähmt werden.

„Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch ein großes Vermögen anhäuft und dann im Überfluss lebt.“
(Lukas 12, 13)

Die Menschen – jeder! – müssen menschenwürdig leben können.
Das gilt auch hier, in unserem Land. Die organisierte Solidarität _der Sozialstaat, die sozialen Sicherungssysteme, das leistungsfähige Gesundheitswesen für alle, eine Pflegeversicherung, soziale Netzwerke, soziale Regeln für den Markt und für die Arbeit, gleiche Bildungschancen für alle – die sogar ganz besonders_, all das sind Teile des Netzes, das dem Einzelnen hilft, selbst die Fische fangen zu können.

Eine Menge Ergänzung, Variante und Einspruch also zu dem, was dieses Buch sagt über die Praxis der Caritas. Eine Menge Zustimmung zu dem, was es sagt zu der großen Idee der Nächstenliebe und damit auch zur Solidarität.

Zwei Gedanken will ich noch einbringen:

Ich will den Punkt beschreiben, der mit der unangenehmste an dem Buch ist. Und ich will dann den Punkt fixieren, von dem ich glaube, dass wir uns – bei allen Unterschieden – treffen und weshalb ich empfehle, das Buch zu lesen und sich auseinanderzusetzen mit seinem Anliegen.

Ich vermisse die Betroffenen. Sie kommen in der Fragestellung von Caritas und Spiritualität nicht vor. Die Schwachen, die Kranken, die Einsamen, die Hungrigen. Es ist, als ginge es nicht um die, sondern um die Helfer.
Vor kommen die, die helfen. Unter der Fragestellung, ob sie richtig helfen.
Aber den Hungrigen ist es egal, muss es egal sein, ob sie eine wertrationale oder eine zweckrationale Schüssel Reis bekommen. Ein Medikament von einem Katholiken oder von einem Agnostiker. Oder ein tröstliches Gespräch. Da schwingt mir zu sehr der Gerechte mit, der richtig helfen will und wo der Arme schnell zum Mittel zum Zweck wird. Ein hartes Wort, ich weiß.

Das Gute – trotzdem:
Von meiner Mutter habe ich vermittelt bekommen, was ihr das wichtigste war an ihrer Religiosität: Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe. Steht in der Bibel, sagte sie.
Ich habe das so verstanden: Es kommt darauf an, wie man mit Menschen umgeht. Ob man sie mag. Ob man teilt. Ob man verzeiht. Ob man hilft. Wo, wie, wann auch immer. Übrigens, Liebe ist heute ein Modewort.

Vielleicht ist das aber ungerecht, vielleicht ist es besser zu sagen: Liebe ist ein Sehnsuchtswort. Denn: Der Sozialstaat in seiner berechenbaren Verlässlichkeit ist unentbehrlich, aber er lebt auch von der Fähigkeit und Bereitschaft der Menschen, unmittelbar füreinander einzutreten, sich zu helfen und sich helfen zu lassen. Das ist der eigentliche Kitt der Gesellschaft. Der familiäre, der nachbarschaftliche, der ehrenamtliche, der freiwillige und der hauptberufliche Dienst am Menschen. Menschen für Menschen. Der Sozialstaat braucht neben der nüchternen Risikokalkulation zwingend das Element der mitmenschlichen Empathie, wenn er gelingen soll: Menschlichkeit leben, Freude daran haben, Hilfe anzunehmen und selbst zu helfen.

Denn der Sozialstaat, so unverzichtbar er gesamtgesellschaftlich ist, ist in seiner Zielgenauigkeit und Wirkung auf den Einzelnen begrenzt. Anders: Er lässt Raum für persönliches, spontanes oder regelhaft soziales Engagement. Ja, er ist sogar darauf angewiesen.

Die allermeisten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind den Menschen, denen sie dienen, zugewandt und professionell und ausdauernd in ihrem Einsatz. Das gilt für Erzieherinnen und Lehrer, für Krankenpfleger und Ärztinnen, für Übungsleiter und Rettungssanitäterinnen, für viele andere auch.

Das mitmenschliche Engagement der Aktiven im sozialen Alltag findet in unserer Gesellschaft relativ wenig Erwähnung, wird als selbstverständliche Pflicht oder als beliebige Freiwilligkeit angesehen, auf jeden Fall in seiner grundlegenden Bedeutung für die Lebensqualität unserer Gesellschaft unterschätzt. Der dauerhafte und unmittelbare Dienst von Menschen an anderen Menschen ist eine Herausforderung, denn er ist nicht selbstverständlich und er ist nicht leicht. Dass so viele ihn hauptberuflich und ehrenamtlich so überzeugend leisten, ist ein gutes Zeichen dafür, dass die Idee der Solidarität in unseren Gesellschaften tief verankert ist. In Deutschland, in Europa. Weltweit.

Ja, das ist der große Fortschritt in der Geschichte der Menschheit. Er hat seinen Ursprung im Christentum, in der Lehre von der Nächstenliebe, aber auch in der Aufklärung, dem Humanismus, dem Liberalismus und dem demokratischen Sozialismus.

Die UNO-Menschenrechte bündeln das gut. Unser Grundgesetz auch: Die Freiheit des Einzelnen und seine Verantwortung, die in Solidarität münden.

Man darf seinen Zweifel haben an dem hier festgestellten Fortschritt. Denn das Handeln entspricht oft nicht dem, was da als Maxime beschrieben ist. Die Geschichte der Kirche selbst und die aller Ismen zeigt Ereignisse und Phasen, die alle Liebesworte Lügen strafen. Und doch. Der Anspruch gilt. Und ohne diesen Anspruch, dem viele genügen wollen, wäre die Erde mit ihren 6,3 Mrd. Menschen längst am Ende aller Menschlichkeit angekommen. Ist sie aber nicht.

Das zu erkennen und anzuerkennen ist wichtig für die Politik. Denn Politik braucht Orientierung, wie überhaupt alle Menschen Orientierung brauchen. Politik gründet auf Werten und lebt von Werten, die sie selbst allein nicht schaffen kann. Liebe zum Nächsten ist so ein Wert. Ein zentraler, auch wenn wir Politiker ihn unter Freiheit und Gerechtigkeit und Solidarität verstehen.

Irgendwie, finde ich, führt diese Wahrheit doch zurück zum Dach der Nächstenliebe, unter dem wir uns alle versammeln können.

Herr Kardinal Cordes, meine Damen und Herren, das Unzureichende an meinen Ergänzungen und Anmerkungen rechnen Sie bitte mir an. Das Zutreffende können Sie zurückführen auf die Tatsache, dass ich Pfingsten, als der Heilige Geist unterwegs war – genutzt habe, diese Worte aufzuschreiben. Sie merken, ich nutze jede Chance.


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