Franz Müntefering

Mitglied des Deutschen Bundestages

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Reden und Aufsätze

"Mehr Bebel wagen!"

Franz Müntefering am 13. August 2013

Als Politiker dieser Zeit sich Gedanken zu machen darüber, ob und wie man "mehr Bebel wagen" kann, das scheint auf den ersten Blick ein spektakuläres und ziemlich nutzloses Unterfangen. Willy Brandt fällt sofort ein und seine Mahnung, "dass nur wenig von Dauer ist. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll".

Wie sollte Bebel, 100 Jahre nach seinem Tod in den Morgenstunden des 13. August 1913, - wie sollte er heute Ratgeber sein können oder im Streitfall gar Schiedsrichter?

Werte und Strukturen, die 2013 so gültig sind, wie sie es 1913 und 1863 waren, auch sehr viel länger, die gibt es. Ja. Die Demokratie, die ausgeht von der Gleichwertigkeit aller Menschen, die keinen Herrn und keinen Knecht kennt, keine Herrin und keine Magd, die "Gewählte kennt, aber keine Erwählten", wie Willy Brandt es in seiner Regierungserklärung vom 27.10.1991 sagte, diese Demokratie ist so ein Wert, der für uns unverzichtbar ist, dauerhaft.

Er korrespondiert mit den drei großen Maximen der politischen Aufklärung, der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Solidarität, die wiederum die Grundwerte der sozialdemokratischen Bewegung sind. Kein Mangel an Werten.

Spezifisch bebelsch ist das alles aber nicht. Man könnte sich dazu mit gleichem Recht auf eine Reihe anderer Persönlichkeiten, zumal sozialdemokratische, beziehen.

Kurz: Ich sehe keinen Sinn darin, das politische Handeln heute an dem zu messen, was wir glauben/vermuten, was Bebel dazu gemeint oder gesagt hätte, genauer: Was er meinen und sagen würde, wenn er heute leben würde. Denn der jeweilige historische Kontext ist fürs politische Gestalten wie fürs Beurteilen des Gestalteten wesentlich. Bebel wusste das genau.

Trotzdem wollen wir heute hier "Mehr Bebel wagen" und ich bin gerne dabei und danke für die Gelegenheit, Gedanken beisteuern zu dürfen.

Denn erstens war und bleibt August Bebel einer unserer Großen in der Ahnenreihe, wohl der wirkungsmächtigste überhaupt. Ohne diesen Mann, der 1840 in den Kasematten von Deutz bei Köln in soldatischem Umfeld geboren wurde, der mit 14 Jahren Vollwaise war und mit 19 der einzige Überlebende seiner Familie, der ohne besondere formale bürgerliche Bildung war, der als Handwerksbursche, als Drechsler, den Weg in den Südwesten deutscher Lande fand und mit 20 im liberalen Leipzig, der für ihn prägendsten Stadt ankam, der mit 23 Jahren -1863- Lassalles ADAV skeptisch-distanziert sah und mit 29 Jahren (1869) in Eisenach selbst die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschland mitbegründete und der dann bis 1913, 44 Jahre lang, ihre dominierende Figur war, -ohne diesen August Bebel wäre die deutsche Sozialdemokratie nicht so entstanden, nicht so groß und so wirkungsmächtig geworden. Die parlamentarische Demokratie und der Sozialstaat sind zwei ganz große Erfolge der von Bebel so entscheidend mitgeprägten Sozialdemokratie.

Bebel war- wie sollte es auch anders sein? – nicht frei von Widersprüchlichkeiten, Schwächen und Irrtümern. Er war ein Kind seiner Zeit, klar, ein normaler Mensch. Aber er war ein Großer der Geschichte. Und wir sind stolz, dass er Sozialist/ Sozialdemokrat war und zeigte und bewies, welch hohen Stellenwert diese Bewegung in der Menschheitsgeschichte hat und –sage ich- noch haben wird.

August Bebel verkörperte die Gewissheit, dass Menschen Dinge bewegen können und sie tatsächlich bewegen. Er war nicht zufrieden mit der Botschaft des Liberalismus, dass die Gedanken frei seien und niemand sie erraten könne, er wollte, dass die Menschen – auch die Industriearbeiter, deren katastrophale Lage er sah - wirklich frei sind, frei von Not und Elend und Bevormundung, frei zur Selbstbestimmung und zu menschenwürdigen Lebensbedingungen. Und wagen wir da genug?

Es kommt auf uns Menschen an, ob es besser geht oder schlechter, nicht perfekt, aber besser. Man darf sagen: Bebel widerlegte mit seiner so gelebten Existenz sogar sich selbst, denn er predigte viele Male den Glauben an die Naturgesetzlichkeit der Entwicklungen, wollte diese Naturgesetzlichkeit aber doch bestimmen.

Der Fortschritt der Wissenschaft, der Darwinismus zum Beispiel, hatte die Einsicht in die Gesetze der Natur erweitert und die Menschen erkennen lassen, dass sie selbst Teil dieser Natur und deren Gesetzen sind. Kein Zufall, dass die Geistesgrößen des Jahrhunderts und zwar gerade die, die auf der Höhe der Zeit waren, Karl Marx zum Beispiel, diese Naturgesetzlichkeit der Entwicklung auch bei der Gesellschaft, allgemein der Politik, unterstellten. Und Bebel, der Marx verehrte und akzeptierte, der mit Engels befreundet war, der den großen Kladderadatsch, die große Revolution, mehrfach und immer wieder für in spätestens 20 Jahren ankündigte, -dieser August Bebel arbeitete penibel daran, das Ruder in die Hand zu bekommen, ungeniert in die Speichen der hochgelobten Naturgesetzlichkeit zu greifen, so feste er nur konnte. Er fand sich nicht ab, er wollte gestalten. Er wollte, dass es den Arbeitern und ihren Familien besser geht.

Er agierte als Sammler und Führer, als Aufklärer, Agitator, Unternehmer, Publizist, als Stoiker und Rebell, als Feind aller Kompromisse und kluger Taktiker. Er war nicht schillernd, nicht beliebig, aber vielseitig beweglich darf man ihn wohl nennen. Er war Verehrer großer Ideenentwürfe und er war auch ihr großartiger Ignorant, er war der, der der sozialdemokratischen Idee eine lebenspraktische Umsetzung ermöglichte und damit eine politische Chance sicherte. Er machte sie handhabbar für die Praxis und organisierte sie zu ihrer wachsenden Stärke, über Missachtung, Unterdrückung, Verbote und Sabotage hinweg. Er kannte und mochte die Macht und wusste um deren Bedeutung und um die ihrer demokratischen Legitimation.

Bebel führte. Er fand im Gewirr der Meinungen und der Labilität der Realitäten immer wieder die Richtung, er stand für die gute Mischung von unverzichtbaren Grundwerten und pragmatischem Handeln. Pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken, so hat Helmut Schmidt das später charakterisiert. Er wusste, dass demokratische Macht die Verantwortung bedeutet, Gutes daraus zu machen im Sinne unserer Grundwerte. Er war –auf heute gedacht- PLer, Netzwerker und Seeheimer zugleich. Der Typ gefällt mir schon immer.

Bebel führte entschieden und entschlossen, wie das nur einer kann, der weiß, wohin es gehen soll. Dabei war ihm sehr wohl klar, dass auch er selbst sich veränderte und das manchmal recht plötzlich und gründlich. Daher seine Einsicht (Zitat): "Die rasche Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus vollzieht sich ohne Wunder immer wieder". Das bezog sich, als er es schrieb, auf 1866, als Deutschland, das vom Zollverein über den Norddeutschen Bund auf dem Weg zum Reich war, "einer Katastrophe entgegen eilte", Konflikten und militärischer Gewalt. Das Spannungsverhältnis von unvermeidlicher Beweglichkeit in der Bewegung und billigem Opportunismus war ihm nicht fremd.

Bert Brechts Herrn K. gab es noch nicht, der erbleicht, als ihm gesagt wird, dass er sich lange nicht verändert hat. Aber auch Bebel wäre erbleicht, wenn ihm das gesagt worden wäre. Er veränderte sich. Mindestens in jüngeren Jahren. Ja er wandelte sich. Als er 39 ist, 1879, schreibt er, dass "Vererbung auf der einen, Anpassung auf der anderen Seite eine entscheidende Rolle" spielen in der menschlichen Entwicklung "Oft genügen wenige Jahre einer anderen Lebens- und Berufsweise, um aus einem Menschen einen anderen zu machen". (Persönliche Anmerkung: Er schreibt in dem Zusammenhang allerdings auch, dass Menschen oft über ein gewisses Alter hinaus kein Streben nach geistiger Weiterbildung empfinden und oft auch nicht nötig haben". Das nehme ich ihm schon ein bisschen übel).

Aber zurück zum Thema Meinungsänderung. Auch in Sachen Wahlrecht war es so gewesen: 1863, als Lassalle den ADAV auf allgemeines und freies Wahlrecht für alle Staatsbürger einschwor, war Bebel noch sehr skeptisch und begründete das auch: Das Volk im allgemeinen –er dachte da durchaus ständisch, er war ja Handwerksgeselle auf dem Weg zum selbständigen Unternehmer und das war immerhin doch noch etwas anderes als Industriearbeiter zu sein, - das Volk im allgemeinen, damals zur Zeit noch zur Hälfte analphabetisch, sei zu wenig gebildet, um verantwortungsvoll frei und gleich wählen zu können, meinte Bebel. Vier Jahre später ließ er selbst sich allerdings in den Reichstag wählen. Da war er 27 Jahre alt.

1875, beim Vereinigungsparteitag in Gotha, war er weiter. Er wollte freie und gleiche Wahl für Männer und Frauen. Aber die neue Partei sperrte sich und hielt an Bebels alter Linie fest. Also hieß die Formel: Wahlrecht für alle Staatsangehörigen. Immerhin! Für 1875 war das viel und es dauerte bekanntlich bis zum 19.1.1919, runde 44 Jahre, bis es soweit war. Historisch unter mancherlei Gesichtspunkten eine tiefe Furche, die da 1863 und 1875 in Sachen Wahlrecht gezogen und mit Ausdauer gesichert wurde. Ohne das Glaubensbekenntnis zum freien, gleichen, geheimen Wahlrecht wäre es 1918 in Deutschland, nach Ende von Weltkrieg I und Abgang des Kaisers, nicht so selbstverständlich in Richtung parlamentarische Demokratie gegangen. Mancher wird sagen: Na und? Ich sage: Besser so!

Bebels Zögern in Sachen Wahlrecht 1863 hatte seine Gründe auch darin gehabt, dass der 23-jährige in seiner persönlichen Phase des Erstaunens über die Welt und ihre Regeln war. Er war gewissermaßen im 2. Bildungsweg, der natürlich damals nicht so hieß. Er suchte Bildung-Bildung-Bildung und entdeckte speziell die politische Bildung im Besonderen. Man kann auch sagen: Er wurde politisch.

Im Februar 1861, -Bebel war 20 Jahre jung und nach seiner Walz als Handwerksgeselle seit einem dreiviertel Jahr in Leipzig, wurde dort für den 19.2. die Gründung eines besonderen Bildungsvereins angekündigt. Das interessierte ihn, da musste er hin, da ging er hin. Mit diesem 19.2.1961 entstand der Gewerbliche Bildungsverein Leipzig. Bebel war sein wissbegieriger Schüler. Er lernte Stenografie und Buchführung.

Die Opposition im Gewerblichen Bildungsverein – vor allem Alt 1848er- wollte mehr, sie wollte politische Bildung, wollte über die Lage der Arbeiter sprechen, über ihre Stellung in Natur und Staat. 1862 spaltete sich diese Opposition ab und gründete einen Verein der politischen Bildung und nannte ihn "Vorwärts". Bebel macht auch dort mit. Er hatte seine Mission gefunden und ging seinen Weg. Die Arbeiterbildung konkret, im Grundsätzlichen und im lebenspraktischen Sinne, das war und blieb sein großes Thema auf immer.

Bebel hatte recht. Er setzte auf das Beste und Einzige, was wir Menschen haben und nutzen können: Bescheid wissen und mit Vernunft die Dinge gestalten. Knapp zwei Jahrzehnte später, am Ende des Buches über "Frau und Sozialismus" schreibt er: "In allen bisherigen Epochen handelte die Menschheit ohne Kenntnis ihrer Gesetze, also unbewusst; in der neuen Gesellschaft wird sie mit Kenntnis der Gesetze ihrer eigenen Entwicklung bewusst und planmäßig handeln."

Seine Zuversicht in die Gestaltbarkeit der Dinge war sein größtes Kapital.

Die Naturgesetzlichkeiten der Entwicklung von Mensch und Welt wurde nicht dementiert, aber der Fortschrittswille war als wesentlicher Teil der sozialdemokratischen Idee fest verankert. Wir finden uns nicht ab. Wir wollen, dass es besser wird. Es gibt eigentlich keinen Fortschritt, sagen die Philosophen. Egal, wir wollen ihn trotzdem.

Und was heißt das nun angesichts der Entwicklung damals, wie wagen wir heute mehr Bebel?

Wenn Bildung die Orientierung gibt für verantwortliches Handeln, aber der fatale Mangel an Wissen und Information damals inzwischen abgelöst ist durch massivsten Überfluss an Wissen und Information, wie funktioniert dann Bildung heute, wo findet sich Orientierung? Welche Chance hat eine Partei wie die SPD, die ja im Kern immer auch Bildungsverein blieb und sein muss, heute und in Zukunft? Unsere Mitgliedschaft ist politisch informierter, politisch gebildeter, als manche draußen unterstellen. Aber das muss auch unter sehr veränderten Bedingungen von Information und Kommunikation so bleiben. Die Rolle der politischen Bildung muss auf die Tagesordnung, - übrigens nicht nur der SPD, sondern der Gesellschaft insgesamt- denn die Bedingungen verändern sich gerade tiefgreifend. Internet ersetzt kein Streitgespräch und Google-Wissen kein Denken. Bildung ist ein Menschenrecht, erstens. Zweitens kann die Forderung nach Bildung, Wissen und Können auch abgeleitet werden von ökonomischen und Wohlfahrtserfordernissen. Aber IQ 130 schließt sozialen Autismus nicht aus, wie wir gerade bei den Pirouetten des Finanzkapitalismus erfahren. Bebelsche politische Bildung ist wichtig, sie bleibt Bedingung für das Gelingen von Demokratie.

Welch große Bedeutung Bebel dem Wissen, dem Informiert-sein, der Bildung beimisst, ist am Ende der Einleitung zu seinem Buch "Frau und Sozialismus" in einem legendären Satz zusammengefügt: "Vorurteilslosigkeit ist das erste Erfordernis für die Erkenntnis der Wahrheit, und rücksichtsloses Aussprechen dessen, was ist und werden muss, führt allein zum Ziel."

Bebel und "die Frau", da gibt es keinen Weg dran vorbei und ich habe deshalb im Vorlauf zu heute kurz mit Eva Högl darüber gesprochen, ob ich mich ausdrücklich auch an diesen Aspekt heranwagen darf. Ich darf und fühle mich ermutigt.

Bebel war kein Theoretiker, Prophet wohl, Theoretiker nicht. Bebel war Vielschreiber, Bücher gibt es aber nicht so viele von ihm. Neben seinen "Erinnerungen", die er nicht ganz abschließen konnte, steht sein eben zitiertes Buch über die "Frau und den Sozialismus" im Mittelpunkt seines Schrifttums. Mit recht. Es handelt sich um was Besonderes.

Das Buch ist ein sozialdemokratischer Gesellschaftsentwurf. Ein Buch, mit dem er Aufklärer wird, sich als Demokrat erweist, die Gleichwertigkeit der Menschen in deutlichster Weise unterstreicht. Er hält das revolutionäre Getöse klein, aber er beschreibt Veränderungen von revolutionärer Dimension und betont Grundlagen, Bedingungen und Ziele zukünftiger Entwicklungen und die ganz besondere Bedeutung, die der Gleichberechtigung der Geschlechter dabei zukommt. Eine großartige, eine historische Positionierung.

Bebels "Frau und Sozialismus" enthält viel, was uns heute selbstverständlich scheint, im Prinzip. Aber längst nicht alles von 1879 ist heute umgesetzt im Konkreten.

Mehr Bebel wagen heißt hier ganz sicher: Seinen Gesellschaftsentwurf fortentwickeln und realisieren. Die konkrete Vision einer Gesellschaft der nächsten drei/vier Jahrzehnte entwerfen und für die Realisierung kämpfen. Die wirkliche und umfassende Gleichstellung von Frauen und Männern wird dabei wesentlich auch dazu beitragen, die soziale Balance in der Gesellschaft deutlich zu verbessern.

In den politischen Forderungen der SPD 2013 findet sich mancher gute Ansatz und manches wichtige Detail zum Thema. Ein kompakter Gesellschaftsentwurf, der die nächsten Jahrzehnte in den Blick nimmt, der uns begeistert und der unser Land elektrisiert und auch die Menschen begeistert, der kann daraus entstehen, der muss daraus entstehen. Soweit sind wir aber noch nicht.

Merkel und Co. machen zum Thema nur, was ihnen aus Opportunitätsgründen unvermeidlich scheint, Wir haben Platz, hier mehr Bebel zu wagen, wenn wir wollen. Viel erreicht, viel zu tun. Nur Mut. Schlagt die Trommel und fürchtet Euch nicht.

Bebel musste in diesem Buch auf die Kritik an den Herrschenden nicht verzichten und nicht auf deren Beschimpfung –dazu machte er das auch zu gerne-, aber primär ging es ihm um die Darstellung dessen, was ist – und dessen, was sein soll.

Fast jede der bis 1909 fünfzig Auflagen des Buches war überarbeitet, ergänzt, präzisiert oder/ und geändert auf der Grundlage der bis dahin stattgefundenen Debatte oder neuer Erkenntnisse. Bebel vermittelte eine Vision in Fortschreibung. Fortsetzung ist uns erlaubt. Da müssen sich doch welche finden, die das machen und die das wollen. So eine Art "Rat für nachhaltige Entwicklung in Bezug auf Gleichstellung der Geschlechter und der daraus sich ergebenden Veränderungen der Gesellschaft in den Jahren bis 2040" oder so ähnlich. Der Arbeitstitel ist entbehrlich aber vielleicht nützlich.

Zur Sinnhaftigkeit von Kriegen, zum Parlament als Agitationsbühne und zur Zusammenarbeit in Europa, speziell mit Frankreich, bietet sich "mehr August Bebel wagen" nicht an, finde ich, -das soll hier kurz gesagt sein.

Bleibt aber doch wenigstens noch ein zentrales Thema, das hier noch Beachtung verdient: Die Arbeit, die Lust an ihr und die Pflicht zu ihr. Der Workaholic Bebel war gerade zu begeistert von Arbeit, - gemütlicher Hedonist, der war er sicher nicht.

Was Bebel zur Arbeit sagt, ist ziemlich weit vom bedingungslosen Grundeinkommen entfernt. Er erklärt die Arbeitspflicht aller Arbeitsfähigen ohne Unterschied des Geschlechts zum Grundgesetz der sozialisierten Gesellschaft.

Zitat aus "Frau im Sozialismus": "Die Gesellschaft kann ohne Arbeit nicht existieren. Sie hat also das Recht, zu fordern, dass jeder, der seine Bedürfnisse befriedigen will, auch nach Maßgabe seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten an der Herstellung der Gegenstände zur Befriedigung der Bedürfnisse aller tätig ist. Die alberne Behauptung, die Sozialisten wollten die Arbeit abschaffen, ist ein Widersinn sondergleichen. Nicht-Arbeiter, Faulenzer, gibt's nur in der bürgerlichen Welt........ Ohne Arbeit kein Genuss, keine Arbeit ohne Genuss."

Interessant, wie Bebel dabei mit dem Senioritätsprinzip umgeht.

Dass das Dienstalter über die Höhe des Gehalts und den Platz in der Hierarchie entscheidet, findet er abwegig, kontraproduktiv. Er war eben ein Kluger, der mit seinem Gesellschaftsentwurf teilweise weit über das hinaus war, was heute akzeptiert ist. Gerade in einer Gesellschaft mit einer zunehmend größeren Kohorte Älterer und Alter muss das Thema Seniorität auf die Tagesordnung.

Einiges hat sich in Sachen Arbeit seit Bebels Zeit tiefgreifend verändert. Es gibt noch die Industriearbeit, auch die monotone, wenn auch nicht 10 bis 12 Stunden täglich regelhaft sechsmal die Woche. Es gibt deutlich mehr als damals Maschinen, die entlasten. Und generell sind Dienstleistungs- und Wissensbereich mit ihren Arbeitsplätzen groß, fast dominierend geworden. Die Humanisierung der Arbeitswelt, die sich für mich vor gut 50 Jahren mit dem Namen Otto Brenner verband, ist ein gutes Stück vorangekommen. Arbeitsschutz ist ein wirksames System, kein leeres Wort. Arm ab und Bein ab ist selten.

Aber Rücken und Psyche sind heute in hohem Maße herausgefordert, belastet und es stellen sich hier dringende Forderungen. Es bleibt dabei: Jeder muss nach seinen Fähigkeiten beitragen zum Wohlstand der Gesellschaft. Aber Normen sind problematisch, denn Menschen sind nicht normbar. Und wenn Tempo und Stress sich in Privatleben hinein fortsetzen –und diese Gefahr ist gegeben- kann die Humanisierung der Arbeitswelt nach den Bedürfnissen von 2013 die Gefahr nicht bannen. Sie muss begleitet sein von der Humanisierung der Privatwelt. Wir sind wieder bei Bebels Gesellschaftsentwurf.

Wenn das kein Thema ist, bei dem wir mehr wagen dürfen, -müssen?!

Man merkt: Der neue Gesellschaftsentwurf, die Frage der Gleichstellung der Geschlechter und die Ausgestaltung von Arbeit könnten richtig was los machen in Deutschland. Die Phase des Stillstandes und der Verdrängung, die von dieser Bundesregierung mit Schlaftabletten verteidigt wird, muss zu Ende gehen.

Bebel hätte es gut gefunden.

Bebel war für wachrütteln. Klug, aber nötigenfalls doch mit Getöse.

Wagen wirs? Wagen wirs!

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