Franz Müntefering

Mitglied des Deutschen Bundestages

Inhalt

Reden und Aufsätze

„Das Leben menschlicher machen.“

Rede zur Eröffnung der Fotoausstellung über Johannes Rau am 10. Oktober 2008 in Heidelberg, Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte

Johannes Rau bekannte sich zur Versöhnung. Die Kraft für sein politisches Wirken hatte tiefe Quellen und Überzeugungen, die weit über das politische Tagesgeschäft hinausgingen.

Er war Politiker, klar. Er war ja über Jahrzehnte in hohen und höchsten politischen Ämtern aktiv. Ministerpräsident. Kanzlerkandidat. Bundespräsident.

Und doch: Zuerst und vor allem war er und blieb er: Johannes Rau. Eine ausgeprägte Persönlichkeit. Einer von besonderer Art, der Politiker war. Deshalb diese Ausstellung. Deshalb diese Ausstellung so. Johannes Rau wurde 1931 in Wuppertal-Barmen als Sohn des Kaufmanns und Blaukreuzpredigers Ewald Rau und dessen Frau Helene geboren. Johannes Rau wuchs mit vier leiblichen Geschwistern und zwei Waisenkindern auf, die die Eltern aufgenommen hatten.

Johannes Rau war ein Mann des Wortes. Sprachsensibel und sprachmächtig. Geschult am bilderreichen und prägnanten biblischen Wort. Es war ihm wohl angeboren. Und er hat aus diesem Talent eine Kunst gemacht.

Aus der Schulzeit wird überliefert, dass Johannes Rau nie Aufsätze ausformulierte und sich allenfalls Stichworte machte. Er war schon damals in der Lage, Geschichten auf diese Weise druckreif vorzutragen. Hierbei bestand er den Erzählungen seines Mitschülers Ako Haarbeck zufolge auch die Prüfungen seiner Lehrerin, wenn diese ihn aufforderte, bestimmte Passagen zu wiederholen. Johannes Rau „las“ diese erneut vor, als stünden sie auf dem Blatt, die Lehrerin war zufrieden.

Nach der Schule, mit 18 Jahren, begann Johannes Rau seine dreijährig Lehre als Verlagsbuchhändler – wie er meinte: aus Liebe zum Lesen. Später bekannte er, dass dies ein Irrtum sei, denn in diesem Beruf habe man keine Zeit mehr zum Lesen.

Dennoch hat er gelesen und auch selber mit dem Schreiben begonnen. In dieser Zeit hat er 1950 von seinem Vorbild Gustav Heinemann einen Aufruf zur Mitverantwortung mit auf den Weg bekommen, den er später gerne selber zitierte:

„Wer nicht handelt, wird behandelt.“

Was dann Hans Jonas die Pflicht zur Macht nannte, kommt in diesem kurzen prägnanten Worten zum Ausdruck:
Wer nicht handelt, wird behandelt.
Da wird nicht wahlweise oder wertneutral Handeln oder Nicht-Handeln als Alternative angeboten, sondern die Verantwortung für das was geschieht, ist als unverzichtbar und unvermeidbar festgestellt. Nicht-Handeln ist keine Entschuldigung für das, was geschieht. Menschen müssen sich einmischen in politische Prozesse, wenn die Dinge besser werden sollen.

Gustav Heinemann prägte Johannes Rau. Der fand so den Weg in die gesamtdeutsche Volkspartei GVP. Am 19. Mai 1957 wird die Partei aufgelöst, die GVP empfiehlt, in die SPD einzutreten. So geschah es.

Johannes Rau war sicher ein frommer Mensch. Der Glaube war aber niemals eine Beschränkung für ihn. Er war bibelfest. Er war aber nie ein Fundamentalist. Er bekannte sich. Aber er war niemals ein Missionar, der bekehren wollte. Er war ein Menschenfischer, weil er überzeugte und Vertrauen gewann.

Johannes Rau war nicht leicht einzuordnen. Er war ein Solitär. Alle Freundlichkeit und Verbindlichkeit im Umgang konnte nicht darüber hinwegtäuschen: Er war er. Sich seiner bewusst. Einige in unserer Partei fremdelten zunächst mit ihm. Er verkörperte nicht den klassischen sozialdemokratischen Stallgeruch, er war zuvor Mitglied einer anderen Partei gewesen und er bekannte sich zu christlichen Wurzeln. Aber Lieder der Arbeiterbewegung sang er auf Parteitagen gerne und mit Inbrunst. Und mit seinem phänomenalen Gedächtnis kannte er mehr Mitglieder der SPD, deren Geburtstage und Familien auch, als irgendwer sonst. Er tat sich schwer mit der Anrede „Genosse“, „Bruder Johannes“ nannten ihn viele. Damit lebte er ganz gut.

Im Archiv der Wuppertaler SPD ist nachlesbar, wie Johannes Rau als Vorsitzender der Jungsozialisten der Stadt 1959 einen jungen Bundestagsabgeordneten aus Hamburg zum Thema Wehrpflicht eingeladen hatte. Der Abgeordnete Helmut Schmidt bat um eine Verlegung des Termins und unterschrieb „mit sozialistischen Grüßen“. Johannes Rau vermerkte handschriftlich, dass diese Veranstaltung ja nichts werden könne. Er unterschrieb stets mit einem freundlichen Gruß.

Der christliche Glaube, wie ihn Johannes Rau sah, verbindet das Beten und das Handeln. Dabei war er nie unkritisch gegenüber seiner Kirche. Johannes Rau missbrauchte Religion nie als Begründung oder als Werbemittel der Politik. Er wusste, wie unterschiedlich Menschen das sahen und dass Politik nicht dafür da ist, die Sinnfragen des Lebens zu klären. Aber er wusste welche Kraft er selbst aus seinem Glauben ziehen konnte und stellte fest:

„Ich halte, weil ich gehalten werde.“

Dieser Satz entstammt dem Siegel der Bekennenden Kirche von 1934, mit dem sich kritische und mutige Christen gegen die sich ausbreitende Ideologie der Nationalsozialisten stellten. Fast 35 Jahre lang gehörte Johannes Rau von 1965 bis 1999 der Evangelischen Landessynode im Rheinland an. Er hätte es sich aber niemals erlaubt, einen Alleinvertretungsanspruch einer Partei aus dem christlichen Glauben abzuleiten. Seine Maxime für sein politisches Handeln war eine ganz andere.

„Politik die nicht das Ziel hat, das Leben der Menschen menschlicher zu machen, soll sich zum Teufel scheren, ob sie schwarz, rot oder grün oder gelb ist.“

So etwas sagte Johannes Rau. Oft. Und:

„Weil der Mensch ein Mensch ist, darum braucht er was zu essen, bitte sehr. Es macht ihn ein Geschwätz nicht satt, das schafft kein Essen her.“

Missverstehbar oder nicht: Das war seine Position. Ein Liberaler. Ein Sozialer.

Das Jahr 2008 ist in der politischen Biographie von Johannes Rau in mehrfacher Sicht bedeutend. Vor 50 Jahren – am 6. Juli 1958, ein Jahr zuvor war er Mitglied geworden - errang er das Landtagsmandat im Wahlkreis Wuppertal III und zog im Alter von 27 Jahren in das Düsseldorfer Parlament ein. Eines ist hier auch bemerkenswert: Erst am 21. Januar 1959 wurde Johannes Rau Vorsitzender der Wuppertaler Jusos. Für Johannes Rau waren Parteiämter nicht Mittel zur Erlangung von Mandaten.

Vor 30 Jahren – am 20.September 1978 wurde Johannes Rau Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Er löste Heinz Kühn ab. Die erste Regierungserklärung vom 27. September 1978 ist bis heute lesenswert:

„Die Bewertung des wirtschaftlichen Wachstums ist auch an qualitativen Maßstäben auszurichten: An der Umweltverträglichkeit, am sparsamen Umgang mit Rohstoffen und Energien, an der gerechten Verteilung, an humanen Arbeitsbedingungen, am Schutz des Verbrauchers.“

Weit vorher, 1962, war er als junger Abgeordneter in den Vorstand der Landtagsfraktion aufgerückt und 1967 ihr Vorsitzender geworden, 36 Jahre alt.

Eine erste deutschlandweite Aufmerksamkeit erreichte Johannes Rau am 3. Februar 1968, als er mit dem Studentenführer Rudi Dutschke eine öffentliche Fernsehdiskussion in der Bochumer Ruhr-Universität bestritt. Johannes Rau hat einmal beschrieben, wie er an diesem Tag seinem Diskussionspartner vor der Sendung einen roten Strampleranzug an den gerade gewordenen Vater Rudi Dutschke überreichte, den hierfür extra die damalige Sekretärin von Johannes Rau gestrickt hatte:

„Ich sagte: Guten Tag Herr Dutschke! Er sagte: Guten Tag, Genosse Rau! Dann habe ich ihm das Stramplerhöschen überreicht und gesagt: Herr Dutschke, dieses Stramplerhöschen ist für ihren Sohn Hosea Che. Und wenn er tüchtig strampelt, darf er mit 18 Mitglied der SPD werden. Da lachte Dutschke und sagte: Wenn er 18 ist, gibt es keine SPD mehr.“

1969 kandidierte Johannes Rau überraschend für das Oberbürgermeisteramt in Wuppertal. Und er gewann. Er kannte den Stellenwert, den Kommunalpolitik hat. Er wusste: Lebensqualität entscheidet sich vor Ort. Kommunalpolitik ist nicht weniger wichtig als Landes- oder Bundespolitik. 34 Jahre später stellte er als Bundespräsident vor dem Deutschen Städtetag im Mai 2003 fest:

„Die Kommunen versorgen ihre Einwohner mit Wasser, Strom und Gas; sie sorgen für die Kanalisation und Abfallbeseitigung; sie organisieren den öffentlichen Personennahverkehr und sie gründeten Sparkassen für ihre Bürger. So haben die Kommunen ein wichtiges Kapitel deutscher Sozial- und Wirtschaftgeschichte geschrieben (…) Wo alleine die herrschen, die von der Rationalität des Marktes und der und der Logik des wirtschaftlichen Vorteils ausgehen, da gibt es keinen Bürger mehr sondern nur noch Kunden und Kosten. Gute Kunden hält man, die schlechten klemmt man ab, und die Kosten kürzt man.“

Auch Johannes Rau musste sich im Wettbewerb innerhalb der SPD durchsetzen. 1977 so auf dem Landesparteitag in Duisburg gegen den damaligen Ministerkollegen Friedhelm Farthmann. Johannes Rau wurde Landesvorsitzender der SPD in Nordrhein-Westfalen. Ich war als Delegierter dabei. Friedhelm Farthmann war der Favorit und sich seines Sieges sicher.

Es ging dem Alphabet nach, F vor R, und Friedhelm Farthmann war nicht schlecht. Aber dann: Johannes Rau sprach ohne Manuskript, frei. Gestützt wurde er nur durch Notizen, die er sich während der Rede Farthmanns gemacht hatte. Ich weiß nicht mehr, was er sagte. Aber ich weiß noch wie. Auf seinem Zettel stand unter anderem, erfuhr man nachträglich:

„Niemand verwechsele Behutsamkeit in der Sprache mit Unentschiedenheit in der Sache!“

Er sprach eindringlich, gewinnend. Es war fast mit den Händen zu greifen, was da passierte.

Johannes Rau gewann im zweiten Wahlgang: 158 zu 155. „Seine Rede brachte Rau den Sieg“, schrieb die Westdeutsche Allgemeine. Es war so. Ebenso wie ein Jahr später, als es um die Nachfolge im Ministerpräsidentenamt von Heinz Kühn ging. Johannes Rau setzte sich gegen den damaligen Justizminister, seinen persönlichen Freund Diether Posser durch.

In Kabinettssitzungen pflegte Johannes Rau einen eigenen Stil. Er ließ Themen ausdiskutieren. Die Mitglieder des Kabinetts waren aufgefordert, sich auch zu Fragen der anderen Ressorts einzubringen. Das führte zu langwierigen – manchmal auch zu ermüdenden Sitzungen im kleinen Kabinettsaal. Aber es führte auch zu einem großen Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Regierung verstand sich als Team. Eines von Gewicht. Da wurde Bundesliga gespielt.

Von 1992 bis 1995 war ich als Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales Mitglied dieses Kabinetts. Eine prägende Zeit für mich. 1995 bei der Landtagswahl im Mai verloren wir Sozialdemokraten die absolute Mehrheit. Das hat ihn getroffen. Fast war er beleidigt. Denn stolz und empfindsam war er auch.

Unter der Führung von Johannes Rau gewann Nordrhein-Westfalen eine eigene Identität: „Wir in Nordrhein-Westfahlen.“ In seiner Regierungserklärung 1985 rief er zur Überwindung der Schwächen des „Bindestrichlandes“ auf:

„Wir in Nordrhein-Westfalen wissen: Wir leben in einem schönen und starken Land. Wir sind fast 17 Millionen Menschen. Unsere Herkunft ist unterschiedlich, unsere Zukunft ist gemeinsam. Wir leben gerne hier. Vielfalt ist unsere Stärke. Wir sind stolz auf unsere Heimat.“

Ihm gelang ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl. Johannes Rau verstand es zu moderieren. Und er verstand es Menschen einzubinden. Auf diese Weise modernisierte er NRW mit Geduld, aber eben auch zielstrebig. Aus dem Land von Kohle und Stahl wurde das Land mit Kohle und Stahl. Es wäre falsch, dieses behutsame Vorgehen mit Zaudern zu verwechseln. Weder in der Sache, noch im Umgang mit den Menschen. Der grüne Minister Michael Vesper beschrieb das feine Dirigieren von

Johannes Rau wie folgt:

„Er tat das in Regel nicht brachial, sondern mit viel Geschick oft so, dass der zu Überzeugende am Ende das Gefühl hatte, selbst zu den von Johannes Rau gewollten Positionen gekommen zu sein.“

Mit großem Einfühlungsvermögen ging Johannes Rau vor. Er wusste, dass man Strukturwandel behutsam angehen muss. Er achtete über Jahre darauf, dass es nicht zu übermäßigen Verwerfungen in betroffenen Regionen und bei betroffenen Gruppen kam. Er wusste, dass eine wahrgenommene soziale Gerechtigkeit Vorraussetzung für die Veränderungsbereitschaft von Menschen ist. Die Menschen wollen Sicherheit. Vollkommene Sicherheit gibt es nicht. Aber um das menschenmögliche Maß an Sicherheit, um das muss man kämpfen, – so dachte Johannes Rau. Und er machte Politik für die Menschen. Dabei war ihm Sozialpartnerschaft wichtig, der Erfolg der Wirtschaft und die Interessen der Arbeitnehmer. Starke Gewerkschaften.

Auf dem Essener Parteitag der SPD 1984 bekannte er, dass es ihm darum ging,

„ (…) das Leben der Menschen jeden Tag ein Stück gerechter und ein Stückchen menschlicher werden zu lassen.“

Auf diese Weise gelang der SPD in NRW die Bewältigung der Kohle- und Stahlkrise in einem gesellschaftlichen Konsens.

Die Menschen blieben beieinander. Niemand wurde gegen einen anderen ausgespielt. Soziale Folgen wurden gemildert.

Seine Belesenheit und seine Liebe zum Wort machten ihn zum Bildungspolitiker. Wo immer er stand, was immer er war, - er stritt für mehr Bildung. Bildung als Bedingung für Freiheit. Wie gesagt, er war auch ein großer Liberaler.

Johannes Rau war zunächst Wissenschafts- und Forschungsminister von Nordrhein-Westfalen. Er investierte in Bildung. Nur fünf Hochschulen hatte NRW 1961. In der Amtszeit von Johannes Rau wurden fünf Gesamthochschulen, 15 Fachhochschulen und die bundesweit erste Fernuniversität in Hagen gegründet. Er macht Schluss mit dem von Kaiser Wilhelm II geprägten Bild, nach dem im Revier die Menschen sich „nicht bilden sondern arbeiten“ sollten. Er wusste: Das ist die größte

Ungerechtigkeit. Er war entschlossen, sie zu beenden. Denn Bildung ist Menschenrecht, - das stand für ihn fest.

Johannes Rau wäre niemals auf die Idee gekommen, mit Studiengebühren neue Hürden aufzubauen und die Billdungschancen an Mamas oder Papas Geldbeutel zu knüpfen. Wer das aber tut, wie Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der missbraucht den Namen von Johannes Rau.

Johannes Rau war ein volksnaher Ministerpräsident. Bis zu 10.000 Briefe im Jahr beantwortete er selber. Oft in aller Tagesfrühe. Nicht wenige davon handschriftlich mit dem Füllfederhalter. Und es kam vor, dass er diejenigen, die sich an ihn gewendet hatten, direkt anrief. In diesen Tagen würden es die Menschen wohl eher für einen Radioscherz halten, wenn sich jemand mit: „Hier spricht Johannes Rau“ meldet. Dieser Johannes Rau war im wahrsten Sinne des Wortes echt, authentisch.

Johannes Rau wusste wo er auftanken konnte. Es waren nicht die Think Tanks, Beraterkreise oder die Demoskopie. Bei Johannes Rau war es das genaue und das geduldige Zuhören bei Menschen, die er beim Pils oder beim Skat traf. Er führte lieber mit dem Telefon als mit dem Mikrofon. Ein Erfolgsrezept, das auch heute noch in Parteien funktioniert.

Johannes Rau war zeitlebens ein Verfechter der parlamentarischen Demokratie. Das Parlament blieb für ihn stets – auch als Regierungschef – das Zentrum der Demokratie. Er verließ sich nie alleine auf die Expertise der Bürokratie, sondern er stützte sich fortlaufend auf die Unterstützung und Einbindung der Abgeordneten im Landtag. Er wusste, dass man den Wortlaut der Landesverfassung und unseres Grundgesetzes ernst nehmen muss. Die Parteien haben eine starke, in der Verfassung garantierte Stellung. Aber es ist eine Mitwirkungsfunktion. Die Verfassung stellt den frei gewählten und seinem Gewissen verpflichteten Abgeordneten ins Zentrum. Die Rolle von Parteien in unserer Demokratie wäre falsch verstanden, wenn man glaubt, dass ein Politbüro über die Entscheidungen im Staatsrat bestimmen könnte. Das war nie unser Demokratiemodell und wir sollten hin und wieder zu eifrige Parteipolitiker daran erinnern, wer welche Kompetenz und wer welche Aufgabe hat.

Der Politikwissenschaftler Markus Hoffmann beschreibt den Regierungsstil von Johannes Rau wie folgt:

„Konfliktlösung, Konsensbildung, Integration und Moderation waren neben Detailwissen und Anekdoten seine wichtigsten Stilmittel.“

Die zentrale Botschaft der Kanzlerkandidatur Johannes Raus bei der Wahl 1987 ist zu seinem Markenzeichen geworden und gleichzeitig auch Gegenstand von Fragen: „Versöhnen statt Spalten“. Manche behaupten, dass ein Wahlkampf um das Kanzleramt mehr Konflikt und Zuspitzung verlange. Richtig ist, dass Johannes Rau mit „Versöhnen statt spalten“ etwas gewagt hat. Und wichtig ist, dass er sich auch in dieser Situation treu geblieben ist.

Der Konflikt des Konflikts wegen - das war nicht sein Ding. Johannes Rau beendete seine Rede auf dem Parteitag 1987 mit den Worten:

„Versöhnen statt spalten! Verliebt sein ins Gelingen!“

Beides war ihm wichtig. Antrieb und Orientierungsrahmen für Johannes Rau war nie in erster Linie eine parteipolitische Ideologie, war stets die Verortung als demokratischer Bürger. Er wurde daher später als Bundespräsident, wie bereits sein Vorbild Gustav Heinenmann, „Bürgerpräsident“ genannt. Das machte deutlich. Er war einer von uns. Einer mitten aus der Gesellschaft. Ein bürgerlicher Christ. Gerade weil er aber nicht an die ‚heile Welt’ glaubte sondern daran,

„das Leben jeden Tag ein Stückchen gerechter und menschlicher“

machen zu müssen, war er Sozialdemokrat. Er wusste um die Kraft der sozialdemokratischen Idee. Und um die Verantwortung, aus ihr praktische Politik zu machen.

Aber ein Parteimann war er nicht. Er wäre niemals auf die Idee gekommen, dass man mit dem Begriff „bürgerliches Lager“ eine Parteizuordnung vornehmen dürfe. Politische Mitbewerber verbal zu „Nicht-Bürgern“ zu degradieren – dagegen hätte er sich gewehrt. Er war fast 50 Jahre Sozialdemokrat. So wie es Helga Grebing formuliert hat:

„kein Onkel, kein Oberlehrer, auch kein Visionär, aber ein unersetzlicher Freund“.

Eine der größten Stärken von Johannes Rau war sein Humor. Er meinte

„Wo Humor ist, ist auch Freiheit. Da kann man atmen und vielleicht auch witzig werden. Wo kein Humor ist – höchstens Witz, droht die Diktatur. Nicht nur im Volk, sondern auch zuhause und in der Schule.“

Deswegen wehrte er sich dagegen, dass Protestanten angeblich humorloser seien als Katholiken:

„Christen sind Menschen, die um die Vorläufigkeit ihrer Entscheidungen wissen; deshalb können sie auch humorvoll sein.“

Es ist zu Recht festgestellt worden, dass Johannes Rau 1999 bis 2004 im Bundespräsidialamt mehr war als ein „Bürgerpräsident“ – er war ein „politischer Bürgerpräsident“. Er setzte Akzente. Nicht mit lauter Stimme – aber stets mit klaren Worten und in erkennbarer Richtung.

In der Debatte um Migration und Zuwanderung ergriff Johannes Rau Partei für die Noch-Nicht Deutschen. Er wies darauf hin,

„dass wir in unserer Verfassung Etliches unaufgebbar festgeschrieben haben: dass die Würde des Menschen unantastbar ist – da steht nicht die Würde der Deutschen, sondern da steht: die Würde des Menschen.“

Ein ernsthafter und gewissenhafter Umgang mit dem Thema Migration war ihm ein zentrales Anliegen. Nach dem unwürdigen Schauspiel von Vertretern im Bundesrat zur Verhinderung des Zuwanderungsgesetzes am 22. März 2002 musste er die Rechtmäßigkeit des Beschlusses überprüfen. Er verknüpfte seine Unterschrift mit der Empfehlung der Entscheidung vor dem Verfassungsgericht und mit einer ausdrücklichen Rüge an die Akteure.

Ebenso bezog er Stellung zur Frage von Verantwortung in unserer Gesellschaft. Am 18. Mai 2001 sprach er zum Thema: „Wird alles gut? Für einen Fortschritt nach menschlichem Maß.“ Er positionierte sich gegen den Zeitgeist und zeigte ethische Grenzen im Umgang mit Gentechnik auf.

Die viel beachtete Rede von Johannes Rau zum Thema Globalisierung am 15. Mai 2002 will ich ansprechen, weil sie gerade in den heutigen Tagen der Verwerfungen am internationalen Finanzmarkt von Bedeutung ist. Johannes Rau stellte als Bundespräsident fest:

„Die Globalisierung ist kein Naturereignis, sie ist von Menschen gewollt und gemacht. Darum können Menschen sie auch verändern, gestalten und in gute Bahnen lenken. Die Globalisierung gestalten kann nur, wer klare Wertvorstellungen jenseits des Wirtschaftlichen hat. (…) Dem Markt einen Rahmen zu geben und den Wettbewerb fair zu organisierten, das gehört zu den großen Kulturleistungen der Menschheit. Wir können den Markt niemals alleine von seinen beeindruckenden Ergebnissen für die Gewinner her beurteilen. Wir müssen immer auch fragen, wie diese Ergebnisse zustande gekommen sind. Eine Politik der Freiheit wird nur dann auch wirtschaftlich überzeugen, wenn sie die Menschen befreit von Ausbeutung, aus Armut und Überschuldung, wenn sie für gleiche Chancen sorgt und wenn sie zum gegenseitigen Respekt beiträgt und wenn sie alle teilhaben lässt an dem, was der Globus bewegt.“

Und es wäre nicht Johannes Rau gewesen, wenn er nicht einen ganz konkreten Vorschlag parat gehabt hätte:

„Für den Anfang würde es nicht schaden, einen Pflichtkurs in Ethik in das Betriebswirtschaftsstudium zu integrieren.“

Johannes Rau war ein Freund Israels. Als erster Deutscher durfte er im israelischen Parlament, in der Knesset, am 16 Februar 2000 in deutscher Sprache sprechen. Das war nicht unumstritten. Nicht wenige Abgeordnete hatte vor Beginn der Rede den Saal verlassen, da sie in ihrer Generation noch nicht den Zeitpunkt gekommen sahen, dass in der Knesset in der Sprache der Täter gesprochen wird. Johannes Rau bewies großes Gespür und Einfühlungsvermögen. Mit seinen wohl gewählten Worten gelang es ihm, einige Parlamentarier dazu zu bringen, noch während der Rede in den Plenarsaal zurück zu kehren.

Sie hatten seine Worte aufmerksam aus ihren Abgeordnetenbüros verfolgt. Johannes Rau sagte:

„Ich weiß, was es für manche von Ihnen bedeutet, in diesem Hohen Haus heute die deutsche Sprache zu hören. Im Angesicht des Volkes Israel verneige ich mich in Demut vor den Ermordeten, die keine Gräber haben, an denen ich sie um Vergebung bitten könnte. Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben, für mich und meine Generation, um unserer Kinder und Kindeskinder willen, deren Zukunft ich an der Seite der Kinder Israels sehen möchte. Ich tue das vor Ihnen, den Vertretern des Staates Israel, der nach 2000 Jahren wiedergeboren wurde und den Juden in der Welt, vor allem aber den Überlebenden der Shoah Zuflucht gegeben hat.“

Shalom Johannes Rau!

Die Ausstellung zeichnet ein vielseitiges Bild von Johannes Rau. Es wird biografisches gezeigt. Man findet ihn 1947 als Sechszehnjährigen im Feriencamp des Schüler-Bibelkreises. Man sieht den jungen Politiker; Wie er 1970 als Fraktionsvorsitzender die SPD im Landtag führte. Man sieht ihn 1993 als Ministerpräsidenten in Solingen. Das Entsetzen über die ausländerfeindliche Tat, bei der fünf Menschen starben, steht ihm ins Gesicht geschrieben. Es sind Bilder zu finden von seinem Schreibtisch in Schloss Bellevue – stets gut gefüllt mit Büchern. Und dann die Familienbilder. Sie lassen erkennen, wie liebevoll dieser Johannes Rau war. Ein Bild der Ausstellung zeigt uns beide auf dem Landesparteitag am 16. Januar 1994. Der 63. Geburtstag von Johannes Rau. Es war auch mein 54. Voller Einsatz. Aber nie nur heiße Luft. Schauen sie sich die Bilder an.

Für Johannes Rau war Politik nie das bloße Durchführen von Maßnahmen. Er hat für Vertrauen geworben und er hat Vertrauen gewonnen. Vertrauen ist ein hohes Gut. Vertrauen kann man weder beschließen noch vorschreiben. Für Vertrauen muss man werben und es muss langsam wachsen. Hierbei war er leidenschaftlich und emotional – aber ein Schwärmer war er nicht. Die Person Johannes Rau zeigt deutlich: Vertrauen ist eine große politische Leistung.

Johannes Rau ging es dabei nie um ein Image. Er bemühte und sorgte sich nicht um Etiketten wie „Landesvater“ oder „Arbeiterführer“. Genauso fern waren ihm einfache oder populistische Antworten. Aussagen wie „Kinder statt Inder“ hätten ihn abgestoßen. Johannes Rau machte sich keine Gedanken um die Abgrenzung zu Anderen und er wusste, dass es in erster Linie darum geht, den eigenen Standpunkt deutlich zu machen. Er wollte nie für Vergangenes belohnt werden und er wollte auch keine Mitbewerber herabsetzen. Das unterschied ihn. Und das unterscheidet ihn bis heute.

Johannes Rau hatte das Vertrauen der Menschen. Er war Landesvater und Arbeiterführer. Gesagt hat er das nie. Musste er auch nicht. Alle wussten es. Er war es einfach, - ein Unikat. Wer ihn nachzuahmen versuchte, hätte nur als Wachsfigur eine Chance. Oder wie Erhard Eppler sagte:

„Niemand kann Johannes Rau nachahmen. Aber lernen von ihm kann man schon.“


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