Franz Müntefering

Mitglied des Deutschen Bundestages

Inhalt

Reden und Aufsätze

Muss denn Klartext Wahrheit sein?

Aus Anlass des VRdS-Kongresses am 08. September 2011

Man kann sich unserem heutigen Thema literarisch nähern, philosophisch, künstlerisch, juristisch sicher auch. Ausgangslage für meinen Beitrag ist im Schwerpunkt das Feld der Politik und das ist ja sicher nicht unerwartet.

Ich bedanke mich für die Gelegenheit. Ich habe viele Reden auf meiner alten Gabriele10 eigenhändig getippt, oder von Redenschreibern als Entwurf bekommen, bin beim Reden meistens vom Text abgewichen und habe den Zusammenhang von Wahrheit und Klartext selten so gründlich bedacht wie heute. Dies hier ist für mich also eine späte Selbstvergewisserung, die mich interessiert.

Ich habe den Titel/ das Motto der Tagung gelesen und bedacht
–Klartext- Wie viel Wahrheit vertragen wir?- und hatte den Eindruck: Bei aller Vieldeutigkeit des Mottos bleibt auf jeden Fall eine Frage offen und drängt sich auf, nämlich: Was hat denn Klartext überhaupt mit der Wahrheit zu tun?

Denn Wahrheit ist ein Wert, ein positiver, meine ich
Klartext ist eine Methode, eine nützliche, meine ich.
Wahrheit ist eine moralische Kategorie.

Wahrheit ist auch eine politische Kategorie, eine, die mit Vertrauen in die Politik und Vertrauen zu den Politikern zu tun hat.
Klartext dagegen ist eine handwerkliche Kategorie. Die allerdings ist nicht weniger wichtig. Denn gutes Handwerk hat bekanntlich goldenen Boden. Auch in der Politik.

Das Verhältnis von Klartext und Wahrheit scheint auf den ersten Blick ähnlich dem von Weg und Ziel. Ein sehr altes und wahrscheinlich immer junges Thema.

Aber ich will es nun genauer wissen:
Was hat Klartext mit Wahrheit zu tun?
Muss denn Klartext Wahrheit sein?
Ich bin für Klartext. Immer.
Klartext ist der Versuch, das unvollständige Instrument Sprache so eindeutig wie möglich zu benutzen. Das hat mit Ehrlichkeit zu tun, mit Wahrhaftigkeit.

Der erste Anspruch meiner Reden war und ist es, meine Positionen deutlich zu machen. Den Zuhörern zu ermöglichen, mich zu verstehen. Das verstehe ich unter „Klartext sprechen“.

Verständlich reden ist nämlich schwer, auch zuhören und verstehen ist schwer. Die menschliche Sprache ist einer der größten menschheitsgeschichtlichen Fortschritte. Ohne Sprache säßen wir noch ziemlich weit oben in den Bäumen, darf man mutmaßen. Wir sind an Sprache gewöhnt und glauben, wir verstünden einander. Für einfache Botschaften stimmt das wohl. Aber Wesentliches in der Politik –und anderswo- ist nicht einfach, sondern ziemlich komplex. Und da landen wir schnell in Babylon. „Sie redeten und redeten und sagten dies und sagten jenes. Aber sie verstanden einander nicht“. So ähnlich steht darüber geschrieben.

Sprache hat ihre Grenzen, das weiß man. Die Philosophen, die Aphoristiker und der Volksmund haben das vielfach treffend beschrieben:

  • Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen (Wittgenstein)

  • Ein genialer Gedanke braucht keine Worte (Lec)

  • Eine Geste kann mehr sagen als tausend Worte. (Dorfweisheit)

Also: Sprechen und verstehen, das ist nicht immer einfach und Worte sind nicht alles.

  • An dieser Stelle will ich einen Augenblick abschweifen: Ich hatte als Politiker oftmals Kontakt mit Menschen, die nicht hören und nicht sprechen können. Sie haben mir vermittelt: „Das ist das schlimmste Handicap überhaupt, -Sprache nicht hören und sie nicht gebrauchen können. Das ist fundamental.“
    Ich denke, das stimmt und ich nutze die Gelegenheit, an alle zu appellieren, die Einfluss nehmen können, Gebärdensprache zu einem selbstverständlichen Bestandteil unseres Lebens werden zu lassen, insbesondere in den Medien und bei wichtigen Reden. Die inklusive Gesellschaft, -über die wir als Ziel sprechen- geht nicht ohne Gebärdensprache. Unabhängig davon müssen die technischen Assistenzen direkt am Ohr weiter verbessert werden. Denn das Problem ist wachsend –Soweit dieser Einschub.-

In der Politik, aber nicht nur dort –ich war vorher 20 Jahre Industriekaufmann und weiß, wie das Leben da so läuft, -in der praktischen Politik wuchs bei mir die Erfahrung, dass Politik viel mit Sprache zu tun hat, allgemeiner: mit Kommunikation.

Aber es wuchs eben auch die Erfahrung: Dass manche in der Politik kompliziert sprechen, weil sie nicht klarer sprechen können. Dass manche kompliziert sprechen, weil sie nicht genau wissen, worüber sie sprechen und was sie sagen wollen. Daß zum Dritten manche nicht Klartext reden, weil sie überhaupt nicht verstanden werden wollen, weil sie etwas vertuschen wollen, etwas unklar lassen wollen.

Aber, ja, es gibt natürlich auch Klartext-Reden in der Politik und garnicht mal so selten. Von Politikerinnen und Politikern, die Klartext wollen, Klartext können und Klartext sprechen. Sie werden von ihren Zuhörern auch verstanden. Also alles in Ordnung?

Keineswegs. Denn sind nicht solche Reden, die in dem dargestellten Sinne Klartext-Reden sind, langweilig in ihrer Ordentlichkeit, ohne Inspiration , ohne Leidenschaft, ohne Begeisterung, zu vorsichtig, zu sehr abwägend?
Ja, Klartext-Reden, die die Fußnoten mitliefern und die Pointen erklären, können sogar sehr langweilig sein, schon weil sie den Zuhörenden das Mitdenken und Weiterdenken versperren. So wird Klartext zäh und der Redner, die Rednerin tritt die Flucht nach vorne an. Man kennt das: Da ein Schlenker und dort ein Gag, das hebt die Stimmung. Klartext hin, Klartext her. Unterhaltung schlägt dann Klartext. Schaum schlägt Substanz. Hauptsache originell. Und vielleicht glauben die Zuhörer ja sogar, originell und Klartext seien immer dasselbe. Sie sind es nicht.

Übrigens: Auch klartexthaftes Google-Wissen macht die Sache generell und auch für die Redenschreiber und die Redner und Rednerinnen langweilig. Da wird Wissen entinvidualisiert, eingeebnet und nivelliert, das Erkennen und Erarbeiten wird entzogen.

Ich glaube, das kann ein dickes Problem für unser Thema werden. Denn welcher Raum bleibt noch für die politische Rede und die orientierende Wegweisung, wenn erst die Maschine komplettiert ist und außer totalem Wissen auch gleich die totale Handlungsanweisung mitgeliefert wird. Die alternativlose weil rationalste Anweisung. Denn alle Alternativen sind ja geprüft. Gibt es das Wort Erkenntnis dann noch, macht es noch Sinn? Und von wem geht dann alle Macht aus? Wird außer dem Doktor –auch der Rednertitel aberkannt, weil wir uns gegenseitig Google-Texte vorlesen?

Aber ganz soweit sind wir noch nicht.
Klartext ist also möglich, aber nicht immer leicht. Er hat Bedingungen.

Die Zeit, die Hetze des Alltags ist dabei nicht die geringste aller Schwierigkeiten. Nicht jede Rede kann in Ruhe stimmig gemacht und zum Kunstwerk zurechtgeschnitzt werden. Die Recherche ist unvollständig, die Zeit für die nötige Abstimmung mit anderen reicht nicht, man kennt das, aber der Text muss raus, die Rede muss geredet werden.

Das Problem gibt es ja erkennbar nicht nur bei der Politik. Es ist offensichtlich, wenn in der Zeitung beim Kommentar die letzten 10-20 Zeilen nur noch geschrieben wurden, weil der Platz nicht weiß bleiben durfte. Oder wenn –andersherum- der Platz für die nötigen 10-20 weiteren Zeilen fehlte.

Oft braucht Klartext Muße. Zeit zum Vordenken und Nachdenken, braucht den guten Sparringpartner. Als ich 2004 eine Kommission einsetzte zum Thema Mindestlohn – denn damals waren die Meinungen zu dem Thema noch recht unterschiedlich, auch bei den Gewerkschaften-, flüsterte in der politischen Öffentlichkeit bald mancher: „Wenn er nicht mehr weiter weiß, gründet er ´nen Arbeitskreis“. Das Verlangen nach Positionierung sofort, -hat das überhaupt einen Bezug zu Klartext und Wahrheit oder eher einen Bezug zu buntem Spektakel? Eine Nachdenk-Pause kann oft sehr nötig und nützlich sein.

Klartext hat was mit Rhetorik zu tun und darauf muss ich noch kurz eingehen. Die Rhetorik hat bekanntlich drei Klassen. Dritte Klasse: Die Rede vorlesen können. Das können fast alle, ist aber eben drittklassig, oft fürchterlich. Zweite Klasse, schon besser: Frei sprechen können, vielleicht mit ein paar Stichworten auf einem Schmierzettel. Das ist lebendiger und unterhaltsamer, gefährdet aber den Klartext. Bleibt die 1. Klasse: Frei vorlesen können. Das können nur wenige. Bei Willy Brandt und Helmut Schmidt habe ich das beobachtet. Sie suchten und rangen hinterm Mikrofon um jedes Wort und doch stand jedes Wort –manchmal in grün präzisiert- vor ihnen auf dem Blatt, von dem sie –nicht ablasen, nein- dem sie den Text als Rohstoff entnahmen und ihn in Worte und Mimik verwandelten und zur Rede gestalteten. Sie waren nicht die Vermittler des Redetextes, sondern sie machten sich den Text zu eigen. Authentischer geht es nicht. Sie waren Redner, nicht Vorleser. Es war ganz klar:
Sie wussten was sie wollten und sie sagten das auch so. Und sie wurden verstanden.

Klartext –wenn es nicht um Formeln geht, etwa: Fraktion gut, Partei gut, Glück auf!- Klartext braucht die vorherige penible Niederschrift.

Friedrich Nietzsche war zwar ein Wortgewaltiger, ein Klartexter. Da er aber ein mittelmäßiger Redner war, verlegte er sich aufs Nieder-Schreiben. Und machte aus Worten und Interpunktionen eine eigenartige Text-Mimik und –Gestik, eine stimmungsvolle Klartext-Partitur.

Ich erwähne das mit Nietzsche, um zu verdeutlichen, für wie wichtig ich das Aufschreiben halte: Die Tonleiter der Rede auf dem Papier. Beim Schreiben werde ich genauer. Beim unvorbereiteten Reden erlaubt man sich Füllworte und Abschweifungen. Unklarheiten, in die man sich beim Reden verrennt, kaschiert man schnell mit einem netten Knallbonbon. Schwarz auf Weiß ist genauer, aber anstrengender, weil man sich Tintenkleckse einfangen kann, die jeder sieht, nicht nur Sprechblasen, die wegplatzen und verschwinden. Reden schreiben –vorher- ist wichtig.
Zum Klartext abschließend: Klartext kommt ohne jedes überflüssige Wort aus. Denn jedes überflüssige Wort streut Nebel in den klaren Text. Streichen und Verdichten war meine liebste Arbeit an Rede-Entwürfen. Aber ohne diese Chance wären meine Reden schlechter gewesen, das ist wahr und das wusste ich immer.

Soviel dazu. So definiere ich Klartext und seine Bedingungen.
Wie ist das nun mit der Wahrheit? Auf jeden Fall viel komplizierter und auch bei subjektiver Wahrhaftigkeit nicht so einfach zu gewährleisten wie der Klartext.

Alle kennen die Geschichte von Pontius Pilatus, der im Jahre 33 als Platzhalter seines Kaisers letztlich über Jesu Leben und Tod entschied. Er wollte keinen Ärger mit den Häschern und Anklägern und fragte rhetorisch: Was ist Wahrheit? Und wusch dann seine Hände in Unschuld.
In Wirklichkeit versteckte er sich hinter der Wahrheit, jonglierte mit ihr, entschied aber machtpolitisch. Eine schillernde Figur, dieser Pilatus. Einer, der die juristische und die moralische Qualität von Wahrheit sehr wohl kannte, der deshalb auch nicht auf sie zu seiner Rechtfertigung verzichteten wollte. Er war einer, der die Wahrheit verriet, der sie missbrauchte. Eine Paradigma für Politik bis heute? Will Politik nur den Augenblick bestehen, den Aufstand verhindern? Will sie Zustimmung der Mehrheit gewinnen, um gewählt und wiedergewählt zu werden? Alles mit der Ausrede, es ja nicht genau zu wissen, was denn nun Wahrheit ist?
Ich meine nein, so ist Politik nicht, aber ich bin auch nicht böse, wenn mir jemand diese Frage stellt. Denn sie trifft die Problematik des politisch handelnden und gestaltenden Menschen recht gut:
Konfrontiert sein einerseits mit dem, was gewünscht ist, aber andererseits auch mit dem, was sinnvoll und was möglich scheint. Identisch ist das selten, -vorsichtig gesagt. Diese Spannung für heute, für morgen und für zukünftig aushalten, das ist nicht leicht.

Ich nähere mich dem Stichwort Nachhaltigkeit. Und das ist auch nötig, denn bei der politischen Definition von Wahrheit spielen Realität und Nachhaltigkeit eine große Rolle.

Was gestern Wahrheit war und heute Wahrheit ist, ist identisch mit der Realität, also ziemlich eindeutig: Es ist wie es ist.

Es ist bei Sorgfalt, gutem Willen und Vorurteilsfreiheit erkennbar, objektivierbar. Die Wahrheit über das, was war und was ist, ist greifbar und begreifbar, wenn wir wahrhaftig damit umgehen. Wie weit wir dazu mutig und klug genug sind und wie weit das in der aktuellen Politik gelingt, lasse ich hier offen. Nötig ist es auf jeden Fall. Und anzumerken wäre da sicher eine Menge, zu kritisieren auch.

Aber mich interessiert für unser heutiges Thema doch mehr, was das mit der Wahrheit für morgen und für die fernere Zukunft auf sich hat. Wie verhält sich das mit der Wahrheit im Blick nach vorn? Denn so fallen die Entscheidungen: Im Blick nach vorn.

Alle wissen, Politiker natürlich auch: Wir stehen in einem immerwährenden Prozess der Veränderung. Wir sind sogar selbst und ganz persönlich Teil dieses Prozesses. Du kannst nicht zweimal in den selben Fluß steigen.
Was bedeutet das für unser politisches Handeln? Denn ums Handeln, ums Gestalten geht es in der Politik.

Ich lasse dabei die naive, die defätistische und die zynische Variante beiseite, also die einschlägigen Sprüche:
-Es ist noch immer gut gegangen oder
-Es kommt, wie es kommt oder
-Nach uns die Sündflut.

Ich wende mich der Variante zu, die da heißt:
Zuversicht in die Gestaltbarkeit der Dinge mit dem Ziel, es besser zu machen im Großen wie im Kleinen. Man nennt das wohl Fortschritt.
Ich weiß, Philosophen sagen: Fortschritt gibt es nicht. Ich bin glücklicherweise Politiker und kann sagen: Macht nichts, ich will ihn trotzdem. Und ich weiß ja, dass es Fortschritt menschheitsgeschichtlich wirklich gibt: Demokratie und Sozialstaat gehören ganz vorne mit dazu und sie sind erkämpft und kamen nicht naturnotwendig und von selbst.
Da es den großen Plan nicht gibt, nicht die Vorsehung und nicht die Vorbestimmung, nicht die naturgesetzliche, unverrückbare geschichtliche Entwicklung, da Zukunft –mit wie viel freiem Willen auch immer- gestaltbar ist und wir Menschen somit zwar nicht allmächtig, aber doch auch nicht ohnmächtig sind, -was ich alles begrüße-, ist die nachhaltige Entwicklung, die angestrebte zukünftige Realität, die Wahrheit der Zukunft eine Wenn-dann-Wahrheit. Wenn – dann! Mehr kann man nicht sagen über die Wahrheit für kommende Zeiten, aber das ist auch schon eine ganze Menge, wenn man es sagt mit Wahrhaftigkeit, also als Klartext.

Wenn das nun so ist, ist es dann sinnvoller, mitmachend – hoffnungsfroh, zweckoptimistisch die Wege zu einer guten Zukunft zu beschreiben und anzugehen und die politischen Forderungen und Versprechungen darauf aufzubauen?

Oder ist es sinnvoller, zweckpessimistisch, aufrüttelnder, wirkungsvoller weil bedrohlicher, warnend die Risiken der Wege und die Vergeblichkeit großer Entwürfe zu verdeutlichen und den Helm festzuzurren und die Anstrengung einfach auszuhalten?

Das ist eine taktische Frage, aber mehr wohl noch eine des persönlichen Temperaments. Auf jeden Fall ist es unverzichtbar, gegen einen der gefährlichsten politischen Irrtümer anzugehen, der sich herausgebildet hat und der offenkundig mitbefeuert wird von der totalen Mobilität in globaler Dimension und der Jetzt-Zeit-Mentalität. Dieser fatale Irrtum heißt: Es zählt Heute, sonst nichts, es zählt das Sofort, sonst nichts. Das Bewusstsein von der Verantwortung fürs Ganze und für die Mitverantwortung auch für die ferne Zukunft, muss dringend neue Impulse bekommen. Der Tanz ums Goldene Kalb weltweit führt zur Kurzatmigkeit und kann Infarkt bedeuten. Die Gefahr besteht. Wenn der Primat der Politik nicht erkämpft und gesichert und der globale Finanzkapitalismus nicht unter Kontrolle gebracht und auf nachhaltige Verantwortung verpflichtet werden kann, werden auch die nationalstaatlichen und EU-Demokratie-Strukturen nicht reichen, um die soziale Demokratie bei uns als grundlegendes Prinzip zu garantieren. Schon garnicht, sie weltweit wenigstens zur Leitplanke zu machen. Das ist aber dringend erforderlich.

Wenn die Saatkartoffeln verfüttert und nicht gepflanzt werden, gibt es im nächsten Jahr nichts zu essen. Das wusste das ganze Dorf. Wenn aber einige ihre Scheuern bis unters Dach mit Nahrung für sich selbst vollstopfen, das Saatgut verschleudern und sich einen Dreck um die kümmern, die demnächst nichts zu essen haben, ist das eine Katastrophe. Verhindern lässt sich das nur, wenn man die, die die Saatkartoffeln haben, zum Pflanzen anhält und nötigenfalls zwingt, damit nächstes Jahr auch alle etwas zu essen haben können.

Das gleichnishaft und nun 10x-beispielhaft-: Wenn – Dann:

1. Wenn Europa es schafft -27 einigermaßen demokratisch legitimierte Nationalstaaten-, gemeinsam eine in sich konsistente Politik, ökonomisch, ökologisch, sozial erfolgreich zu gestalten und damit global zu überzeugen, -dann wird die Demokratie eine Chance haben, sonst nicht. Dazu muss Europa sich als demokratisches Unikat weiterentwickeln, selbst erfinden - vielleicht über den Zwischenschritt Euro-Verbund.

Das erfordert auch die EU-Bürgerschaft als dominierendes Selbstverständnis der Menschen im EU-Raum und als Lebenswirklichkeit. Dass hier Phantasie, Anstrengung und Ausdauer nötig sind, ist wahr. Vor allem aber der Wille – denn Wenn Dann. Auch Demokratie braucht Strukturen, die zum Fall und in die Zeit passen. Daran muss die Euro-Gruppe, die EU, muss Europa arbeiten, - und zwar- verliebt ins Gelingen, nicht heimlich interessiert am Scheitern.


2. Wenn wir die Rolle unserer Kommunen den Entwicklungen anpassen, und das heißt sie stärken, strukturell und finanziell, -dann hat die soziale Gesellschaft in unseren Kommunen eine Chance, sonst nicht. Die kleinen Einheiten (Kommunen) und die großen (Europa, UNO) gewinnen an Gewicht in einer globalisierten Welt.

3. Wenn wir die Potentiale im eigenen Land nutzen –die bisher vergessenen Jugendlichen, die Frauen, die zu früh ausgegliederten Männer und so die Erwerbsquote deutlich erhöhen, dann können wir die Facharbeiterproblematik weitgehend entschärfen. Investitionen in Vorschule, Schule und Ausbildung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Arbeitsschutz, Weiterbildung sind nötig und zwar zügig. Der globale Arbeitsmarkt darf kein Alibi sein, die eigenen Möglichkeiten ungenutzt zu lassen: Deshalb jedem die Chance, seinen Beitrag zu leisten, damit wir die Arbeit im Lande weitgehend mit denen tun können, die legal im Lande sind.

4. Wenn wir die eigenen Potentiale im Land nutzen und ihnen ehrliche Chancen geben, -dann brauchen wir trotzdem gezielt Zuwanderung. Bedarfsorientierte Zuwanderung nach klaren Kriterien und mit garantierter Integration, bessere Chancen für ausländische Studentinnen und Studenten zum längeren oder dauerhaften Verbleiben in Deutschland, realistische und zügige Anerkennung von Auslandsqualifikationen. Und mehr Angebote für potentielle Auswanderer hier zu bleiben.

5. Wenn wir Gerechtigkeit wollen, dann müssen alle (!) Kinder über Krippe, Kita, inklusive Schule, Ausbildung und Weiterbildung ihren Weg machen können. Es ist die Aufgabe der Eltern und ihr Recht, die Bildung und Erziehung ihrer Kinder zu gestalten. Aber „dass die Würde des Menschen unantastbar ist“ heißt auch, dass die Freiheit des einzelnen Menschen prioritär ist und dass die Gemeinschaft besonders denjenigen Kindern Hilfestellung geben muss, die die nötige Unterstützung zuhause nicht erfahren.

6. Wenn alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes Mitglieder einer gemeinsamen Pflegeversicherung sind, dann reichen die Einnahmen und Rücklagen der Pflegeversicherungen –heute: gesetzliche und private –noch lange. Die Absicht der Bundesregierung, eine obligatorische, kapitalgedeckte Pflegeversicherung dazuzusetzen, ist ein neuerlicher Versuch, die sozialstaatliche Umlagefinanzierung zu torpedieren. Das nützt den Akteuren am Kapitalmarkt und hat die Risiken dieses Kapitalmarkts. Hier ist Streit nötig.

7. Wenn wir weiter auf Pump leben, von der Substanz und ohne die nötige nachhaltige Prävention, dann wird das im Schlamassel enden für alle, mindestens in der Katastrophe für die, die die Schwächsten sind. Die finanziellen Vorausschauen sind noch oft zweckoptimistisch bestimmt und in der langfristigen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zwischen den Betroffenen
-Kommunen, Ländern, Bund, auch Europa- nicht oder unzureichend bewertet.

8. Wenn es nicht gelingt, die sittenwidrig niedrigen und die sittenwidrig hohen Löhne zu beseitigen, die Wertschätzung für alle ehrliche Arbeit in eine gerechte Lohn-Relation zu bringen, dann werden viele Menschen nicht mehr an die soziale Komponente der Demokratie und letztlich nicht mehr an die Demokratie überhaupt glauben können. Soziale Spaltung ist nicht nur unsozial, sie ist für die Demokratie ein systemisches Problem.

9. Wenn im Zuge des Demografischen Wandels Metropolen expandieren, manche ländliche, metropolregionferne Räume aber massiv schrumpfen und in die Spirale zur weitgehenden Entvölkerung fallen, dann werden beide mit recht fragen: Wieso sind da nicht rechtzeitig die Pflöcke geschlagen worden, wo sie halten. Es sind ja nicht nur die Bevölkerungszahlen, die sich da dramatisch verändern, sondern auch die Altersstrukturen, bis hin zur Unmöglichkeit, noch steuernd einzugreifen. Noch ist Zeit zum Gestalten, aber das gilt nicht unendlich.

10. Wenn die Kohorte der 60-85-jährigen, diese neue große Generation, die zum ersten mal in der Geschichte in dieser Breite existiert, sich aktiv an der Gestaltung der sozialen Gesellschaft beteiligt, dann müssen wir keine großen Sorgen haben, was die demografische Entwicklung angeht. Die Älteren und Alten wissen was, sie können was, sie wollen was, wir müssen sie was tun lassen, sie müssen konkret was tun. Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl.

In diesen Wenn-Dann-Wahrheiten steckt ein Gesellschaftsentwurf, der als Zielmarke dient. Eine Vorstellung, eine Zielsetzung eben, wie es in 20, in 50 Jahren hier im Lande aussehen wird, aussehen soll. Wie Wohlstand für alle auf hohem Niveau gesichert, Freiheit für jeden garantiert, soziale Gerechtigkeit praktiziert, Solidarität gebraucht und ermöglicht wird, alles demokratisch bestimmt.

Solche Gesellschaftsentwürfe für die Zukunft, wo es sie gibt in der Politik, sind notwendigerweise nur teils konkret, also auch teils vage, je langfristiger um so vager, aber doch erkennbar kontrovers. Entsprechend unterschiedlich sind die Wege, auf denen man zum Ziel kommen will und da wird es dann richtig kompliziert. Der Weg ist bekanntlich so wichtig wie das Ziel. Das Ziel bestimmt den Weg, aber umgekehrt gilt auch: Änderst du den Weg, verändert sich das Ziel.

Wie Deutschland, Europa, die Welt 2030 aussehen werden, 2060 folgende, das weiß heute niemand genau. Und wie immer man die Ziele setzt und die Wege wählt, da gibt es unter den Demokraten Gemeinsames, Unterschiedliches und Gegensätzliches.

Und genau darüber müssen wir in Klartext reden, also wahrhaftig. Diese subjektive Wahrhaftigkeit des Politikers, der Politikerin, ist vielleicht wichtiger als die objektive Wahrheit der Zukunft oder was man dafür hält. Aber das ist nicht immer leicht. Das Mögliche und Vernünftige ist oft nicht oder noch nicht populär. Aber morgen ist wieder Wahl. Was tun? Als Willy Brandt als Parteivorsitzender ging, hat er etwas dazu gesagt:

Zitat:
„Ich konnte und kann nicht dazu raten, als richtig erkannte Einsichten deshalb nicht weiterzuverfolgen, sondern wegzulegen, weil sie nicht hinreichend wählerwirksam waren. Sich verständlicher machen, wenn es geht, dazu sage ich: Ja und nochmal ja. Aber unsere Programmatik aus dem ableiten, was die Leute gerade hören wollen: Nein!“
Aber ausgewogen und vorsichtig, wie er war, hat er ein paar Sätze weiter auch folgendes gesagt:

Zitat:
„Und doch, sich nicht zu weit von dem zu entfernen, was viele aufzunehmen geneigt und mitzutragen bereit sind, gehört zur eisernen Wissensration einer Volkspartei, die nicht auf die Oppositionsbänke abonniert ist. Und die weiß, das man auf der Regierungsbank in aller Regel mehr erreichen kann für die Menschen, denen man sich verantwortlich fühlt.“

Damit ist die Verantwortung wieder bei jedem selbst angekommen zu entscheiden, ob sein Klartext denn nun nachhaltig nützlich, nötig, langweilig, rücksichtslos, unverzichtbar, faktisch hilfreich oder schädlich ist.

Wenn ich weiß, was Wahrheit ist, muss ich die Wahrheit dann Klartext sagen, auch z.B., dem Kranken sagen, dass er bald sterben wird?
Für diesen extremen, existenziellen, gern zitierten Fall werden nur Fanatiker auf der Priorität der Wahrheit bestehen. Ich nicht. Wirklich konsequent ehrlich sein in diesem Sinne, dass können nur Heilige und Verbrecher. Wir anderen müssen sehen, wie wir verantwortlich damit umgehen und durchs Leben kommen.

Wir müssen den Zuhörern, als Politiker den Wählerinnen und Wählern sagen, dass manches klar ist und manches nicht, dass manches geht und manches nicht, manches sofort, manches irgendwann vielleicht, manches nie. Dass man manchmal nicht richtig oder falsch sagen kann, sondern bereit sein muss, Verantwortung zu übernehmen für das, was man tut. Pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken, nannte Helmut Schmidt das. – Wie dramatisch diese Prämisse sich aufladen kann, ist mir klar geworden im Falle der Ermordung von Herrn Schleyer, als die Politik die Terroristen nicht frei ließ und Helmut Schmidt in seiner letztendlichen Verantwortung als Bundeskanzler die Witwe des Ermordeten in die Kirche zur Trauerfeier begleitete. Was für eine Tragik.

Wir müssen den Menschen im Klartext sagen, dass die Wahrheit letztlich auch eines ist: Ein Kompromiss. Der wiederum gestaltbar ist und für den zu streiten es sich lohnt. Im Deutschen ist Kompromiss zu oft ein Schimpfwort. Und das ist ein Elend, mindestens ein Irrtum.

Abschließend: Wenn einigermaßen verständlich ist, was ich meine, ist mir Klartext gelungen. Ich habe mich bemüht. Mehr kann ich zur Klärung des Mottos nicht beitragen. Das ist die Wahrheit.

 

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