Franz Müntefering

Mitglied des Deutschen Bundestages

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Reden und Aufsätze

Symposium zu Ehren von Bernd Faulenbach

6. Februar 2010

Franz Müntefering beim SymposiumAuf unserer Tagesordnung steht das Grundsatzprogramm von Godesberg und die Frage, was es bedeutete und wohin es führte. Aber wir sind auch hier, um Bernd Faulenbach Danke zu sagen für sein politisches, gesellschaftliches Engagement. Und das in der ihm eigenen, angemessenen Art und Weise. Also: Keine Huldigung mit Lorbeer und Ehrengarde, keine Tanzparty, kein Gala-Dinner.

Sondern so, wie es Bernd Faulenbach sicher die meiste Freude macht: Im Gespräch, analysierend, fragend, Meinung sagend. Nachdenklich und der Zukunft zugewandt, das Ganze im Sinn und doch das konkrete Detail im Blick, so wie wir ihn über Jahrzehnte kennen. So soll es denn auch heute sein.

Lieber Bernd, im Namen der Deutschen Sozialdemokratie Dir Danke und ein herzliches Glück auf! Gut gemacht! 

Mehr bei anderer Gelegenheit. 

Nur dies heute noch: Dass wir beide über die Jahre so manche Gelegenheit hatten, uns zuzuhören, gemeinsam Antworten zu suchen und dass das immer in genossenschaftlicher und menschlich so angenehmer Weise gelang, dafür danke ich Dir persönlich ganz herzlich. Ich bin ein bisschen stolz, dass Du einverstanden bist, dass ich heute hier Dir zu Ehren sprechen darf. 

50 Jahre Godesberger Programm also – Grundlagen für den Fortschritt.

Godesberg kam nicht aus dem Nichts. Es hat eine lange, 96-jährige Vorgeschichte. Seit 1863, dem Gründungsjahr der organisierten Sozialdemokratie in Form des ADAV, war und ist ein Programm spezifisch für unsere Bewegung und Partei. Weil wir uns nicht abfinden mit der Welt und den Dingen wie sie sind, weil wir die Verhältnisse nicht verwalten sondern sie gestalten wollen, weil wir wissen: Einigkeit macht stark. Also suchen wir Einvernehmen, was die Werte angeht, die unser Handeln bestimmen, wir fixieren die Ziele und wir suchen die bestmöglichen Wege dahin. So entstanden und entstehen Programme.

1863 mit dem Offenen Antwortschreiben Lassalle an das Zentralkomitee. 1869 in Eisenach, als Bebel und Liebknecht eine Partei gründeten, die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“, 1875 beim Einigungskongress in Gotha, 1891 in Erfurt nach dem Ende der Zeit der Sozialistengesetze, Karl Kautsky und Ede Bernstein stritten miteinander, 1925 in Heidelberg, dem Todesjahr von Friedrich Ebert, mit der Forderung nach Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa, 1959 Godesberg, 1990 Berlin, und nun das Hamburger Programm. Um nur die zentralsten zu nennen.

Die Grundwerte hatten und haben Bestand über die Zeit hinweg. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit stand auf dem roten Wimpel vom 23. Mai 1863. Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität wurde daraus. Zum 100- jährigen, im Mai 1963 fasste Erich Ollenhauer es zusammen in der Formel, es gehe der SPD seit Lassalle um „die Erziehung und Entwicklung des Menschengeschlechts in Freiheit“.

Karl Marx hatte das Gothaer Programm von 1875 glossiert, aber nicht überzeugen können und nicht aufgehalten, was Bernstein 1891 in Erfurt offen sagte: Es geht der SPD darum, schrittweise die Eroberung bestimmter Rechte für die arbeitenden Menschen zu erkämpfen und die Gesellschaft zu demokratisieren.

Der Wille zur Reform wuchs, der Glaube an die Revolution schmolz. Die Idee, dass der Geschichte ein Sinn immanent sei, der gesetzmäßig zum neuen Menschen und zum Paradies auf Erden führe, setzte sich in der SPD nicht durch. Anders als bei den Fundamentalisten rechts und links . Aber es blieb auch für die SPD ein langer, schwerer Weg bis zum Regieren 1918 und bis zum Neuanfang 1945. Für unser Volk und für die Welt eine katastrophale Zeit, verursacht durch Deutschland. Eine Hypothek auf immer.

Die Älteren von uns haben noch beeindruckende, aktive sozialdemokratische Zeitzeugen aus der Nazizeit gekannt und ihre Schilderungen und Schlussfolgerungen gehört. Für mich war es eines der großen Geschenke unserer Partei an mich und meine Generation, solche Frauen und Männer zu erleben. Es darf uns auf immer stolz machen, in ihrer Nachfolge wirken zu dürfen. Die Geschichtsvergessenheit mancher in den jüngst vergangenen Jahren, die wegen dieser oder jener markanten Details die Partei im Stich gelassen haben, bleibt mir auch aus diesem Grund unverständlich. Die SPD macht auch Fehler, ja, aber sie ist kein x-beliebiger Club, den man im Stich lässt, wenn es mal reinregnet. Die SPD hat gute Geschichte und sie hat gute Zukunft.

1949 begann in der Bundesrepublik eine neue Demokratie, geschenkt und auferlegt, nicht erkämpft und nicht begeistert gefordert. Überleben war angesagt. Demokratie, - na gut. Aber wie hätte es auch anders sein können nach allem, was zwischen 1933 und 1945 geschehen war? Die Indoktrination steckte noch in vielen Köpfen. Braunes Gedankengut war nicht schlagartig weg. Globke war im Kanzleramt.

Beim Regieren war die SPD dran, meinten die Sozialdemokraten, nach der Höllenfahrt des Nationalsozialismus, nach der Betroffenheit deutschnationaler und mancher konservativer Steigbügelhalter der Nazis. Aber dann war Adenauer vorne, mit einer, seiner Stimme Mehrheit, demokratisch korrekt.

Mit dem Wohlstand wuchs die Zustimmung zu dieser Demokratie und zu denen, die nun regierten. Die SPD hatte keine Chance, in der politisch zweigeteilten Welt, im geteilten Deutschland, im aufziehenden Kalten Krieg, eine mehrheitsfähige politische Vision zu finden. 1957 gewannen CDU/CSU bei der Bundestagswahl die absolute Mehrheit. Die SPD war im Keller.

Aber es bewegte sich was.

Das Erleben des Totalitären in Form faschistischer und kommunistischer Diktaturen und der rasante Wandel in Form der technologischen Entwicklung insbesondere der umfassenden Mobilität, veranlasste die Sozialdemokratie, über den Sozialismus und seine Handlungsperspektive nachzudenken. Die Idee war lebendig. Aber man hatte erfahren und verstanden und war um so entschlossener.

Willy Brandts markante Formel kam erst später, aber die Frage stellte sich unseren Altvorderen damals, in den 50er Jahren, schon in aller Klarheit: Was ist zu tun, um mit den eigenen Antworten unter den gegebenen Bedingungen bei Wahrung der sozialdemokratischen Ziele auf der Höhe der Zeit zu sein?

Als die Debatte von Godesberg begann und sich konkretisierte, waren sich die Handelnden offensichtlich nur begrenzt der Dimension dessen bewusst, was sie da betrieben. Das Godesberger Programm war kein historisches Ereignis mit Ansage. Es kam eher routinemäßig daher, ein wenig aus der Not und aus der Situation geboren, wie man es halt gewohnt war von Sozialdemokraten. Seine moralische und politische, seine intellektuelle und rhetorische Kraft entwickelte sich erst, als es entstanden war.

Darüber geredet hatten fast alle in der Partei, darüber nachgedacht manche, daran mitgeschrieben einige, es formuliert wenige, - wer brachte es auf den Punkt? - , darüber gehen die Erzählungen auseinander. Die Historiker werden es genauer wissen, besser jedenfalls als ich.

Brandt, Wehner, Schmidt wirkten mit, federführend waren sie wohl nicht. Ollenhauer sicher auch nicht. Wobei die Rolle Helmut Schmidts, wie immer, wenn es um Programmatisches in der SPD ging und geht, unterschätzt wird. Willi Eichler war ganz wichtig bei der Entwicklung des Programms. Deist, von Knoeringen.

Ich tippe – ohne Beweise - auch auf Carlo Schmid, direkt oder indirekt muss er dabei gewesen sein. Die Analogie des Godesberger Programms zum Grundgesetz springt zu sehr ins Auge. Nicht nur was die sprachliche Dichte angeht. Knappe dreißig Seiten im Druck. Jedes überflüssige Wort vermieden. Wie im Grundgesetz. Wie in dessen Ursprungsfassung, genauer gesagt.

Dass unser Grundgesetz immer länger wird, unsere Parteiprogramme auch, macht beide nicht besser, finde ich.

Vielleicht half damals aber auch noch, dass man Buchstabe um Buchstabe tippen musste, kein Kopiergerät hatte, noch nicht einmal ordentliches Tipp-Ex.

Susi Miller, Sekretärin, Büroleiterin, Gefährtin von Willi Eichler, - leider nicht mehr unter uns - , hätte sicher beschreiben können, wie das praktisch–organisatorisch funktionierte. Wie kompliziert es war, Texte für viele zu schreiben, zu verändern, zu publizieren. Das disziplinierte natürlich auch.

(Kleiner Ausflug in die Gegenwart, ohne kulturpessimistisch zu werden: Die ungebremste Geschwindigkeit und ungenierte Art, mit der heutzutage von allen und jedem Worte geschrieben, geändert, gelöscht, verbreitet werden können und auch werden, macht die Mühe immer größer, in vielen Haufen von Texten die guten Extrakte noch zu finden, und nicht im Müll zu ersticken. Ein anderes, aber nicht unwichtiges Thema fürs Politikmachen heute).

Nicht ganz verifizierbar bleibt für mich auch die Rolle vom Westlichen Westfalen auf diesem Godesberger Parteitag Mitte November 1959, bei dem die Delegierten ordentlich und geordnet in langen Bankreihen ohne Rückenlehne saßen, dicht gedrängt. Wer die Örtlichkeit kennt, kann natürlich auch sagen, dass das Programm so knapp sein musste, weil mehr Seiten Papier nicht in den Raum gepasst hätten.

Zum Westlichen Westfalen: Angeblich kamen im Parteitag die einzigen aber zahlreichen Änderungsvorschläge aus dem Westlichen Westfalen. Ausnahmslos wurden alle abgelehnt. Ob das Godesberger Programm bei Annahme dieser WW-Anträge noch zielführender geworden wäre, ist natürlich anzunehmen, entzieht sich aber – ehrlich gesagt – meiner Kenntnis.

Ungewöhnlich, bedeutungsvoll, oft zitiert, die Einleitung des Programms, die Präambel; in Sprachkraft und Duktus von literarischer Qualität. Euphorie und Tremolo und technische Fortschrittsgläubigkeit gibt es da. Aber nicht nur.

Das ist der Widerspruch unserer Zeit,
dass der Mensch die Urkraft des Atoms entfesselte
und sich jetzt vor den Folgen fürchtet.
………

Diesen Widerspruch aufzulösen,
sind wir Menschen aufgerufen.
In unsere Hand ist die Verantwortung gelegt
für eine glückliche Zukunft
oder für die Selbstzerstörung der Menschheit.

Das ist ganz eindeutig die Absage an den „der Geschichte immanenten Sinn“. Keine Schicksalsergebenheit. Keine Heilsgewissheit. Da wird der Sozialismus zur Aufgabe der Menschen selbst. Die Zuversicht in die Gestaltbarkeit geht dabei nicht verloren. „Sozialismus wird nur durch die Demokratie verwirklicht, die Demokratie durch den Sozialismus erfüllt“.
Das Neue an Godesberg gilt nicht zu sehr den Zielen, sondern viel mehr dem Weg dahin.

Neu ist, dass die Grundwerte am Anfang des Programms stehen und damit die Freiheit und Würde jedes einzelnen Menschen, aber auch seine Verantwortung für sich selbst und für das Ganze. Die Freiheit des Individuums, die nur gelingen kann, wenn sie die Freiheit des anderen als gleichwertig anerkennt.

Mich erinnert das an die Hervorhebung der Individualrechte in den ersten Artikeln unseres Grundgesetzes und damit an Carlo Schmid.
„Diese Zielbestimmung hatte nicht immer die sozialistische Programmatik eingeleitet und das hatte viele Gründe“, schrieb Willi Eichler. „Ein wesentlicher Grund war die Diskreditierung des Freiheitsbegriffs durch die kapitalistische Kapitalakkumulation…. Jeder hatte die „Freiheit“, dass zu tun, womit er zu Geld kommt“.

Freiheit also, die auch Regellosigkeit oder Willkür oder Raffgier genannt werden kann.

Freiheit erschien Sozialdemokraten deshalb auch als Schlachtruf des Bürgers, seine – des Bürgers – Freiheit zu erkämpfen. Ohne Rücksicht auf die Wirkung, die er damit bei anderen auslöste.
So, weitgehend wörtlich, Willi Eichler. Ich finde: Verdammt aktuell.
So manche, die 2009/2010 in Deutschland viel über Freiheit reden, sie zum Teil sogar in ihrem Namen führen, mischen heute noch kräftig in diesem Sinne mit. Anders: Der Kampf um die Freiheit, die wir meinen, ist noch nicht gewonnen. Er wird immer wieder neu geführt werden müssen. Solange wir das tun, bleibt die Sozialdemokratie lebendig.
Godesberg war auch der Abschied von der Idee der allgemeinen Sozialisierung. Seitdem ist sie nicht mehr das Synonym für Sozialismus. Die SPD von Godesberg misst in der Wirtschaftpolitik dem Wettbewerb großes Gewicht zu. Wirklichem Wettbewerb, der von fairen Regeln bestimmt ist und der sittlichen Zwecken dient. Freie Konsumwahl, freie Arbeitsplatzwahl, Autonomie der Arbeitnehmerverbände (Gewerkschaften) und Arbeitgeberverbände bei den Tarifverträgen gehören dazu. Die Formel zu diesem Gedankengebäude: Wettbewerb soweit wie möglich – Planung soweit wie nötig. Richtig! Gültig!

Das hat zu tun auch und vielleicht vor allem mit dem sich verändernden Verständnis vom demokratischen Staat.

Die Rechte des Individuums sind dem Staat vorgegeben, hieß es nun eindeutig und ganz vorne. Aber der Staat, der demokratische Staat, war im Verständnis der Sozialdemokraten nicht mehr das Instrument der Reichen, des Kapitals. Der Staat war kein Gegner mehr. Der Sozialstaat, die Idee vom Staat als der demokratisch legitimierten gesellschaftlichen Organisation, die Daseinsfürsorge garantieren und Solidarität organisieren kann und die das auch soll, war da. Die Privatisierung und Ökonomisierung der Daseinsfürsorge steht im Wiederspruch dazu. Der arme Staat auch. „Als Sozialstaat hat er für seine Bürger Daseinsfürsorge zu treffen, um jedem die eigenverantwortliche Selbstbestimmung zu ermöglichen, und die Entwicklung einer freiheitlichen Gesellschaft zu fördern.

Neu auch und bedeutsamer als die meisten von uns das heute überhaupt nachvollziehen können: Es wurde festgestellt: Sozialdemokratie ist keine Weltanschauung. Diese Wahrheit war in ihrer Eindeutigkeit eine wichtige Weichenstellung, machte für viele im Land die SPD erstmals wählbar.

„Der demokratische Sozialismus, der in Europa in christlicher Ethik, im Humanismus und in der klassischen Philosophie verwurzelt ist, will keine letzten Wahrheiten verkünden – nicht aus Verständnislosigkeit und nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber Weltanschauungen oder religiösen Wahrheiten, sondern aus der Achtung vor den Glaubensentscheidungen des Menschen, über deren Inhalt weder eine politische Partei noch der Staat zu bestimmen haben“. Das ist klare Sprache. Ein entscheidender Schritt hin zur Volkspartei.

Das heißt im übrigen auch: Die Partei soll Dienende sein, die demokratischen Prinzipien folgt:
Unsere Partei ist dafür da, mitzuhelfen, dass Freiheit und Gerechtigkeit verwirklicht werden können. Die Fundamentalisten links und rechts nutzen die Zerrissenheit der Gesellschaft, um die Diktatur ihrer Parteien zu errichten. Das unterscheidet uns total. Godesberg ist auch eine Absage an den Parteien-Staat.

Heute scheint diese Wahrheit teils schon wieder weit weg. Aber wir dürfen sie nicht vergessen und müssen den Staat pflegen. Die demokratisch legitimierte Macht gehört dem Staat, nicht Parteizentralen. Manchmal erscheint einem das schwierig. Aber Parteien sind gut beraten, sich da nicht zu überheben.

In unserer frühen Geschichte waren Staat/Regierung und Reichswehr und Kirche Gegner der Sozialdemokratie und von uns mit Recht auch so empfunden. Das war mit Godesberg endgültig vorbei, wenn die prinzipiellen Differenzen auch nachher hier und da noch aufflackerten und nicht überall, nicht bei uns und nicht bei den erwähnten Institutionen, überwunden waren. Da bleibt eine Baustelle.

1972 im Willy - Wahlkampf betete der Pastor in Balve im Sauerland noch: Bewahr uns Gottes Hand vor Feuer, Not und Brandt. Hat ihm bekanntlich nicht genutzt.

Die SPD bejahte in Godesberg die Landesverteidigung, forderte die völkerrechtliche Ächtung der Massenvernichtungsmittel und den Verzicht der BRD auf atomare Aufrüstung. Soldaten sind Staatsbürger in Uniform, das wurde dort festgestellt. Das war auch die Grundlage für eine Aussöhnung der Sozialdemokratie mit der Parlamentsarmee Bundeswehr, was dann mit den Bundesministern Helmut Schmidt und Georg Leber bis Peter Struck auch im Regierungshandeln Wirklichkeit wurde. Das Recht auf Wehrdienstverweigerung gehörte zu diesem sozialdemokratischen Konzept unverzichtbar dazu.

Besonders wichtig, - nicht neu in der Geschichte sozialdemokratischer Programme, aber im Abgleich mit manchem was heute dazu gesagt wird – die Formulierung des Bildungszieles:
„Erziehung und Bildung soll allen Menschen die Möglichkeit geben, ihre Anlagen und Fähigkeiten unbehindert zu entfalten. Soll die Widerstandskraft gegen die konformistischen Tendenzen unserer Zeit stärken. Kenntnis und Aneignung der überlieferten kulturellen Werte und Vertrautheit mit den formenden Kräften des gesellschaftlichen Lebens der Gegenwart sind Grundlagen unabhängigen Denkens und freier Urteilsbildung.“

Was da beschrieben wird - immer noch gültig -, ist Bildung als Menschenrecht, nicht Bildung als eine abgeleitete Größe ökonomischen Bedarfs, nicht einmal des gesicherten individuellen Aufstiegs. Eine Position, die heute neu zu bedenken sich lohnt. Dazu passt die Godesberger Forderung, das Begabungsförderung auf allen Stufen der Entwicklung möglich sein muss und der Besuch öffentlicher Schulen und Hochschulen kostenlos.

Zusammengefasst:
Der allererste Satz des Godesberger Programms ist auch sein Extrakt. Da steht: „Die Sozialisten erstreben eine Gesellschaft, in der jeder Mensch seine Persönlichkeit in Freiheit entfalten und als dienendes Glied der Gemeinschaft verantwortlich am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Menschheit mitwirken kann“

Da ist alles Entscheidende gesagt, besser und dichter konnte man es nicht formulieren.

Es dauerte dann noch fast 7 Jahre bis zur Großen Koalition 1966, noch 10 Jahre bis zur Bundeskanzlerschaft Willy Brandts 1969, aber der Grundstock dafür war mit Godesberg gelegt.

Die SPD war Volkpartei geworden. Sie nahm die Gesamtverantwortung an.

Sie war auf der Höhe der Zeit.
Selbstbewusst.
Regierungsfähig.

Bereit, demokratisch legitimierte Macht zu haben und Politik zu gestalten.
So entsteht Mehrheit.

Das alles hat eine ganze Generation von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten geprägt, hat Mut gemacht und Kraft gegeben, sich der Gesamtverantwortung zu stellen, zu regieren, im Bund, in den Ländern und in den Kommunen. Zunehmend in Europa.

Deutschland ist gut gefahren mit 27 Jahren SPD-Beteiligung an der Bundesregierung seit 1966, mit zwanzig Jahren Kanzlerschaft Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder.

Rückblick reicht uns aber nicht. Wir haben uns als SPD Mitte November 2009 – genau 50 Jahre nach Godesberg – auf dem Parteitag in Dresden vorgenommen, auch Zukunftswerkstatt zu sein.

„Sicher und gut leben in den kommenden Jahrzehnten“ und „Mehr Demokratie wagen, - Teil 2“. Das waren die dort besonders angesprochenen Themen, denen wir uns widmen wollen. Die Debatte ist eröffnet.

Der Parteivorstand hat die Arbeit für diese (und weitere) Zukunftsthemen inzwischen präzisiert und auf den Weg gebracht. Es ist vernünftig, die Zeit als Opposition zu nutzen und zu präzisieren, was sozialdemokratische Politik heute und in der Perspektive der kommenden Zeit bedeutet. Heute die Verantwortung annehmen, aber auch heute die Verantwortung für morgen annehmen. Jetzt den Weg nach vorne vermessen und bauen. Ortsvereine und Unterbezirke sind eingeladen, sich einzumischen.
Die Grundwerte bleiben in Stein gemeißelt, die Zielbeschreibungen gelten, das gültige Hamburger Grundsatz-Programm hat gut auf Godesberg aufgesetzt, es aktualisiert. Kein Bedarf an Grundsatzdebatten. Wir sind mit Godesberg und Hamburg gut justiert.

Bei den Wegen aber ist – wie immer wieder – Klärungsbedarf, Bedarf an Aktualisierung.

Die Globalität aller Politik, die Chance Europas, die Rolle der Metropolregionen in dieser Zeit, die Fragen nach Wachstum, Arbeit und Nachhaltigkeit, die demografische Entwicklung, die langfristige Stabilisierung der Sozialsysteme, die Bindungswirkung der Sozialen Gesellschaft, die Herausforderung Integration, die Wirkung der förderalen Strukturen, Volksparteien und Bereitschaft zur Gesamtverantwortung, die dauerhafte Sicherung der Erde als Lebensraum für die Menschen und die Frage, was Demokratie heute bedeutet, sind solche Themen. Spannend. Die richtigen Antworten finden sich in den sozialdemokratischen Werten. Aber sie müssen Realität werden im pragmatischen Handeln.

Zwei Gedanken aus dem Godesberger Programm gehen mir dabei nicht aus dem Kopf. Ich meine, sie zeigen Werte auf, die mindestens interessant sind, vielleicht sogar mehr. „Freie Gemeinden sind unerlässlich für eine lebendige Demokratie. Deshalb bekennt sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands zu den Grundsätzen der Gemeindefreiheit einschließlich bürgerschaftlicher Selbstverwaltung, die weiter auszubauen und finanziell zu sichern sind“. Ein Blick der Politik und der Gesellschaft muss verstärkt auf die Rolle der Metropolregionen, der Städte und Gemeinden gerichtet sein und auf das Gelingen der Sozialen Gesellschaft, die daran geknüpft ist. Ein großes Arbeitsfeld für die Sozialdemokratie.

Und es heißt im Godesberger Programm: „Erst im wiedervereinigtem Deutschland wird das ganze Volk in freier Selbstbestimmung Inhalt und Form von Staat und Gesellschaftgestalten können“. Die Wiedervereinigung ist gelungen. Das Grundgesetzt gilt; eines der besten deutschen Bücher überhaupt. Der Artikel 146GG ist variiert und es scheint, das Land hat Frieden mit ihm gemacht Und doch: Unsere Demokratie in der so veränderten Welt kann grundlegende neue Impulse gut gebrauchen. Eine vom deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossene Verfassung könnte so etwas auslösen und selbst sein. In den 30 Jahren, die mir noch vielleicht, und eher nicht, aber dann irgendwann wird sich da was bewegen, bestimmt vielleicht.

Lieber Bernd, wir haben – nach Stunden tiefgehender und manchmal wilder Diskussionen unsere Politik nicht selten karikiert und festgestellt, dass der Sozialismus eben eine dauernde Aufgabe ist und man nicht erwarten darf, schnell voranzukommen. Dass er unvollkommen ist und entwicklungsbedürftig. Wir haben dazu gefeixt, aber falsch ist das ja nicht. Also machen wir weiter.

Ernsthaft, aber auch augenzwinkernd.

Engagiert, aber auch gelassen.

Wissend: Das Ziel werden wir nie ganz erreichen. Aber auf dem Weg dahin kann Gutes gelingen. Die sozialdemokratische Idee wird gebraucht. Und Fortschritt ist möglich. Fortschritt, der den Menschen dient. Gesellschaftlicher Fortschritt. Sozialstaat und Demokratie sind solche menschheitsgeschichtlichen Fortschritte und sie sind aufs engste verbunden mit der Programmatik und dem Handeln der Sozialdemokratie. Für diese Fortschritte haben wir lange kämpfen müssen. Das haben unsere Vorfahren seit 1863 und wir getan, mit Erfolg. Das Programm von Godesberg vom November 1959 war dabei eine wichtige Wegmarke und es liefert immer noch Orientierung für das, was jetzt zu tun ist. Es macht guten Sinn, es nicht ins Museum zu bringen.

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