Franz Müntefering

Mitglied des Deutschen Bundestages

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Reden und Aufsätze

Gute Arbeit

Rede anlässlich der Konferenz „Qualität der Arbeit – Schlüssel für mehr und bessere Arbeitsplätze“ am 2. Mai 2007 in Berlin

Berlin liegt heute mitten im neuen, größer gewordenen Europa. Noch vor zwei Jahrzehnten lag es am Rand, war östlicher Außenposten der Europäischen Union. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie mit seinem Konferenzzentrum, in dem wir heute tagen, war bis 1989 Regierungskrankenhaus der DDR. Es lag direkt an der Berliner Mauer.

Heute brauchen Sie schon ortskundige Führung, um den ehemaligen Mauerverlauf in Berlin zu erkennen. Die Stadt ist zusammengewachsen.
Auch Europa wächst zusammen; nicht so schnell und nicht so weitgehend. Aber immer noch beispiellos erfolgreich. 27 Mitgliedstaaten, die an einer gemeinsamen Zukunft arbeiten.

Ökonomische, ökologische und soziale Aufgaben stehen in Europa gleichgewichtig nebeneinander. Ökonomischer Erfolg ermöglicht beachtliches Wohlstandsniveau. Das Soziale beflügelt die ökonomische Dynamik.

Ökonomie und das Soziale – das gehört untrennbar zusammen.
Auch deshalb wollen wir in der deutschen Ratspräsidentschaft „Kräfte bündeln für ein soziales Europa – für eine soziale Welt“.
Europa muss die Herzen und die Köpfe der Menschen erreichen. Es muss spür- und erfahrbar sein: Europa lohnt sich. Europa bringt Verbesserungen im Alltag.

Wir stellen uns in Europa und als Europa dem globalen Wettbewerb – leistungsfähig, innovativ und sozial.

Das Ziel „GUTE ARBEIT für alle“ ist ein Herzstück dieser Politik.
Wir wollen die Arbeit als Quelle unseres Wohlstandes mit den Menschen und für die Menschen gestalten.

Anspruchsvoll, aber nicht unter Ausnutzung oder sogar Ausbeutung ihrer Fähigkeiten.

Die Qualität der Arbeit ist der Schlüssel für mehr und bessere Arbeitsplätze.

Ich nenne das „Gute Arbeit“.

Wie gute Arbeit zum Wohle von Beschäftigten und Betrieben organisiert werden kann, darüber wollen wir auch auf dieser Tagung debattieren.
So wie wir es – gerade auch in unserer Zeit als Präsidentschaft – auch in Europa tun.

Wir haben darüber mit den EU-Beschäftigungsministern im Januar hier in Berlin geredet. Und wir haben dabei einige wichtige Punkte festgehalten – einvernehmlich.

Arbeit ist immer auch anstrengend. Aber sie ist vor allem sinnstiftend. Und GUTE ARBEIT ist ein soziales Gebot.

Wir wollen Arbeit für alle.

Gute Arbeit ist aber auch ein Gebot wirtschaftlicher Vernunft.
Die Europäische Union soll zum weltweit wettbewerbsfähigsten und wirtschaftlich dynamischsten Wirtschaftsraum werden.
Das ist die Maxime der Strategie, sie sich mit den Beschlüssen von Lissabon (2000) verbindet.

Schwerpunkte der Strategie sind:

  • Wissen und Innovation für Wachstum und Beschäftigung,
  • Stärkung der Anziehungskraft Europas für Investoren und Arbeitskräfte,
  • Schaffung von mehr und besseren Arbeitsplätzen.

Dafür sind große Anstrengungen nötig. Denn wir stehen im globalen Wettbewerb. Und den können wir nur durch hohe Leistung, durch Qualität zu unseren Gunsten entscheiden.

Billig können andere besser. Wir müssen gut sein, wir müssen sehr gut sein.

Wir müssen in Deutschland und Europa so viel besser sein, wie wir teurer sind. Also: preiswert.

Wir müssen innovativer sein, neue und bessere Produkte und Dienstleistungen entwickeln.

Wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Aber wir dürfen zuversichtlich sein.

Wir stehen als Europa nicht schlecht da: Die neuesten Ergebnisse des Innovationsanzeigers der Kommission sind durchaus positiv:

  • Der Abstand zwischen EU und USA wird geringer. Wir holen auf im Bereich der Bildung und privaten Forschungsausgaben.
  • Einige neue Mitgliedstaaten haben ihre Innovationsfähigkeit stärken können.
  • Die EU-Innovationslokomotiven wie Finnland, Schweden, Dänemark, aber auch Deutschland kommen immer mehr auf Augenhöhe mit den USA oder Japan.

Das wollen wir weiter entwickeln. Dazu brauchen wir ein innovationsfreundliches Umfeld.

Mit Arbeitsbedingungen, die die Fähigkeiten der Menschen fördern, ihre Qualifikationen entwickeln und ihre Gesundheit erhalten.

Man kann heute an nahezu jedem Ort auf der Welt Fabriken mit den neuesten Technologien bauen. Das Kapital ist weltweit unterwegs auf der Suche nach rentablen Anlageformen.

Kapital und Technik sind nicht mehr die entscheidenden Stellschrauben im globalen Wettbewerb.

Entscheidend ist, was die Menschen in ihren Köpfen und in ihren Herzen haben.

Sie sind es, die die Innovationen erbringen, die dann zu neuen Produkten, Technologien und Dienstleistungen führen – zu Beschäftigung und Wohlstand.

Wir brauchen gute Arbeit. – Deshalb:

  • Rund 17 Millionen Menschen in Europa sind arbeitslos – das müssen weniger werden.
  • Rund vier Millionen Unfälle am Arbeitsplatz in Europa im Jahr 2004 sind vier Millionen Unfälle zuviel.
  • Die gegenwärtige europäische Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer ist mit 42 % zu niedrig.
  • Der Anteil gering qualifizierter und damit nicht oder beschränkt beschäftigungsfähiger Arbeitnehmer ist europaweit mit 30 % zu hoch.
  • Es reicht nicht aus, wenn nur 10 % der Beschäftigten Europas sich in einer Ausbildung oder Weiterbildungsmaßnahme befinden.

Gute Arbeit ist nicht theoretisch. Sie ist sehr praktisch und konkret.
Der Reihe nach:
Gute Arbeit heißt zunächst: mehr Arbeit. Arbeit für alle.

Dazu brauchen wir Wachstum und wirtschaftliche Dynamik. Die Unternehmen sind gefordert, Entwicklung im Wachsen zu suchen.

(Nebenbei: Wachstum muss nicht im Widerspruch stehen zu einer nachhaltigen Umweltpolitik.)

Politik kann die Unternehmen auf dem Wachstumspfad unterstützen. Das EU-Ziel, 3 % des BIP für Forschung und Entwicklung auszugeben, ist dafür eine wichtige Wegmarke.

Genauso wie eine aktive Arbeitsmarktpolitik. In Deutschland haben Reformen am Arbeitsmarkt in den letzten Jahren zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und zum Ausbau der Sicherung beigetragen.

Insbesondere die aktive Arbeitsförderung wurde neu ausgerichtet nach dem Prinzip Fördern und Fordern.

Wir wollen, dass alle, die arbeiten wollen, auch Chancen auf Arbeit haben.
Dabei machen wir gute Fortschritte:

  • 3,97 Millionen Arbeitslose.
  • 1,1 Millionen weniger als April 2005
  • 824.00 weniger als April 2006.
  • 923.00 offene Stellen.
  • Tendenz: Arbeitslosigkeit sinkend!

Daraus kann man was machen. Ein Grund, sich zu freuen.
Kein Grund, es sich bequem zu machen.

Gute Arbeit heißt: faire Löhne. Wer Vollzeit arbeitet, der muss von seinem Lohn auch leben können. In den meisten europäischen Ländern gibt es dafür Regelungen. Sei es ein gesetzlicher Mindestlohn, sei es ein Entsendegesetz.

Wir diskutieren das gerade in der Großen Koalition, weil wir hier in Deutschland im Niedriglohnbereich zu einer zeitgemäßen Regelung kommen müssen.

Auch um Unternehmen vor Lohndumping zu schützen und um dafür zu sorgen, dass der Wettbewerb um die besten Produkte geht und nicht um die niedrigsten Löhne.

Gute Arbeit heißt: Arbeitsschutz.

Wir müssen uns darum kümmern, dass Arbeit nicht krank macht.
Natürlich sind Arbeitsplätze in den letzten Jahrzehnten sicherer geworden – wir haben viel erreicht für die Humanisierung der Arbeitswelt.

Aber es gibt neue Belastungen – zum Beispiel für die Augen, den Rücken, die Psyche –, die zu hoch und teils vermeidbar sind.

28 % der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Europa erklären, dass sie unter erheblichen gesundheitlichen Problemen leiden – verursacht durch ihre derzeitige oder eine frühere Beschäftigung. 35 % der Arbeitnehmer sind der Meinung, dass ihre Arbeit ein Risiko für ihre Gesundheit darstellt.

Hier rechtzeitig Vorsorge zu treffen, hilft dem Einzelnen und vermeidet hohe gesellschaftliche Kosten.

Die Europäische Kommission hat deshalb eine „Gemeinschaftsstrategie für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz 2007-2012“ vorgeschlagen.
Das Ziel: Die Zahl der Arbeitsunfälle soll in diesem Zeitraum um 25 % verringert werden. Ich werde mich dafür einsetzen, dass der Rat hierzu noch während der deutschen Präsidentschaft eine Entschließung verabschiedet.

Gute Arbeit heißt: Arbeitnehmerrechte und Mitbestimmung.
Eine sichere rechtliche Ausgestaltung des Arbeitsverhältnisses und gleiche Augenhöhe zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern – das ist wichtig. Deutschland profitiert davon seit langem.

Wer Sicherheit am Arbeitsplatz spürt, der geht auch mal das Risiko ein, etwas Neues, Innovatives zu wagen. Und Mitbestimmung und Tarifautonomie sorgen dafür, dass auch schwierige Umbruchprozesse gemeinsam gemeistert werden. Viele gute Ideen sind auch in Europa in Partizipationsrechten verankert. Es dürfen gerne noch mehr werden.
Gute Arbeit heißt: familienfreundliche Gestaltung der Arbeitswelt.

Im Zuge der demographischen Entwicklung rücken Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von Privat- und Arbeitsleben, stärker in den Blick. Wir können es uns nicht leisten, auf Kompetenzen und Begabungen – insbesondere der jungen Frauen – zu verzichten, nur weil es keine ausreichende Infrastruktur zum Beispiel zur Kinderbetreuung gibt.

Hier stehen wir politisch in der Pflicht. Aber hier sind auch die Betriebe gefragt, Familienwunsch und Karrierebestreben besser vereinbar zu machen.

Gute Arbeit heißt: Ausbildung, Qualifizierung und Weiterbildung.
Gute Bildung ist der Schlüssel zu guter Arbeit. Gute Qualifikation in der Schule, Ausbildung oder im Studium, Lernen und Weiterbilden ein Leben lang. Das klappt bisher unzureichend.

Ein Wachstumsschub wie aktuell und schon merken wir: Es gibt Qualifikationsprobleme.

Der Nachwuchsmangel im Handwerk, die fehlenden Fachkräfte im IT-Bereich, die 22.000 Ingenieure, die nach Informationen der Branche allein in Deutschland fehlen – all das sind Zeichen. Sie müssen Ansporn sein, Versäumtes rasch aufzuholen und für die Zukunft früher und systematischer an dieser Herausforderung zu arbeiten.

Noch vor einem Jahr waren etwa 50.000 Ingenieure in Deutschland arbeitslos gemeldet. Aktuell sind es über 28.000, ein Großteil von ihnen älter als 50.

Das zeigt erstens: Bewegung ist möglich.

Es belegt aber zweitens auch: Hier wird zu wenig ausgebildet und zu wenig qualifiziert. Das muss anders werden.

Fachleute schätzen, dass 2010 etwa 40 % aller Arbeitsplätze einen hohen Qualifikationsbedarf erfordern. In den 80er Jahren waren es etwa 30 %.
In 2030 werden in Deutschland – so eine Schätzung der Prognos AG – ca. 72 % der gesamten Bruttowertschöpfung im Dienstleistungsbereich erbracht.

Im produzierenden Gewerbe verschwinden Arbeitsplätze, vorwiegend Arbeitsplätze mit geringen Qualifikationsanforderungen.

Andererseits: Für Arbeit mit geringen Qualifikationsansprüchen finden sich in Deutschland keine Arbeitskräfte.

Neue Jobs entstehen in anspruchsvollen Bereichen wie Unternehmensdienstleistungen oder im Gesundheits- und Sozialwesen. Und in technologieintensiven Branchen wie der Datenverarbeitung oder Nachrichtenübermittlung. Und im Bereich Forschung und Entwicklung.
Hier wird Europas Wohlstand wachsen. Immer vorausgesetzt, es gibt genügend Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit hohem Qualifikationsniveau. Wir haben die Potenziale in unseren Ländern. Wir müssen ihnen die Chance geben, sich zu entfalten.

Unternehmen, die sich um gute Arbeit kümmern, sind leistungs- und innovationsfähiger als andere.

Den empirischen Beweis führen die Gewinner in den Wettbewerben der besten Arbeitgeber, die in Europa seit 2002 stattfinden. Übrigens auf Initiative der Kommission hin.

Nur eine Zahl aus diesen Wettbewerben: In Deutschland haben die besten Arbeitgeber im letzten Jahr 9 % mehr Arbeitsplätze geschaffen. Und aus den USA-Wettbewerben weiß man, dass gute Arbeitgeber mittel- und langfristig auch an der Börse besser abschneiden.

Wir werden in 2007 und 2008 auch in unserem eigenen Wettbewerb „Beschäftigung gestalten – Unternehmen zeigen Verantwortung“ wieder vorbildliche Betriebe prämieren. Ich lade schon jetzt alle Unternehmen ein, ihre guten Beispiele einzubringen und so bekannter zu machen.

Für viele der guten Arbeitgeber ist zurzeit die Frage alternder Belegschaften zentral.

In Deutschland haben sich deshalb rund 80 Unternehmen in einem Demografienetzwerk (ddn) zusammengeschlossen.

Sie wissen, dass ein guter Altersmix sich rechnet. Ältere laufen in der Regel nicht mehr so schnell wie Jüngere, aber sie haben Erfahrung und Wissen, die Unternehmen brauchen und die sie einsetzen wollen. Immer mehr Arbeitgeber fragen diese Kompetenzen in hohem Maße nach.

Wer rechtzeitig für gute Arbeit, für alters- und alternsgerechte Arbeit sorgt, der sorgt dafür, dass diese Arbeitnehmer auch verfügbar und einsetzbar sind.

Gute Arbeit ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft.

Ganz vorne an stehen die Unternehmen in der Pflicht. Auch weil es sich für sie rechnet, wenn sie in mitarbeiterorientierte Unternehmenskulturen oder guten Arbeitsschutz investieren.

Aber die Frage geht alle an. Wirtschaft, Politik und die ganze Gesellschaft. Vieles – gerade auch im Bereich der Weiterbildung – können die Sozialpartner organisieren.

In Deutschland haben sie damit über Tarifverträge bereits begonnen. Mehr ist möglich und wünschenswert.

Politik setzt den zukunftsfähigen Rahmen, gibt Impulse und hilft, wo es sinnvoll ist.

Wir werden in den kommenden zwei Tagen viele Beispiele sehen für gute Arbeitsbedingungen in den Unternehmen und für hohes Mitarbeiterengagement.

Es geht immer auch um den betriebs- und volkswirtschaftlichen Nutzen.
Dabei geht es nicht um Nivellierung unter den 27 Mitgliedsstaaten. Die Sozial- und Beschäftigungspolitik bleibt in Europa subsidiär organisiert. Aber Europa kann Anstöße geben – und hat das zum Beispiel beim Arbeitsschutz auch schon oft gemacht.

Wir können in Europa voneinander lernen und so gemeinsam vorankommen.

Wir müssen den Menschen in Europa zeigen, dass wir unsere eigene, spezifisch europäische Antwort haben, die Herausforderungen der Globalisierung zu bewältigen.

Eine Antwort, die auf Lebensqualität und Qualität der Arbeit setzt. Für mehr und bessere Arbeitsplätze.

Ich freue mich auf unsere Diskussionen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!


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