Franz Müntefering

Mitglied des Deutschen Bundestages

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Reden und Aufsätze

Sisyphus war ein
fröhlicher Mensch

Franz Müntefering im Interview mit Christoph Potting im Oktober 2012

„Politiker können Wahlen verlieren und müssen Niederlagen einstecken. Aber sie können auch einen neuen Anlauf machen! Meine Lieblingsfigur ist deshalb der Sisyphus. Es sind die Zuversicht und die Mentalität dieses Mannes, die ihn dazu befähigen, den Stein immer wieder aufs Neue den Berg hinauf zu rollen.“

Franz Müntefering, SPD
Mitglied des Deutschen Bundestages

Welche Bedeutung hat die Zuversicht für eine Politik, die auf eine Veränderung der Verhältnisse abzielt? Welche Rolle spielt sie für einen Fahrensmann der Sozialdemokratischen Partei, der die Politik in Deutschland nachhaltig geprägt hat. Christoph Potting hat dazu mit Franz Müntering, Mitglied des Deutschen Bundestages, in Berlin gesprochen. Wir dokumentieren das Gespräch in einem kompakten und lesbaren Text.

Zuversicht ist die Überzeugung, Dinge bewegen zu können. Dieses Lebensgefühl ist ernsthaft, nicht so oberflächlich und simpel wie der Optimismus. Zuversicht bedeutet, dass wir Verhältnisse verändern können, dass Anstrengungen lohnen und dass es der Mühe wert ist, es zu versuchen, immer wieder.

In meinem Vokabular spielt daher dieser Begriff eine besondere Rolle. Zuversicht – das bringt zum Ausdruck, was mich antreibt: Zuversicht in die Gestaltbarkeit der Dinge. Das ist auch eine sehr persönliche und grundsätzliche Einstellung. Ich bin überzeugt, dass wir Menschen Situationen zum Guten wenden können, - bescheidener: Dass wir das Bestmögliche daraus machen können.

Das ist auch Lebenserfahrung. Aber vor allem das Selbstvertrauen sagt mir: Es kann gelingen. Natürlich gibt es auch Rückschläge. Politiker verlieren Wahlen und müssen Niederlagen einstecken. Aber sie können immer auch einen neuen Anlauf machen! meine Lieblingsfigur ist deshalb Sisyphus. Es sind Zuversicht und Mentalität dieses Mannes, die ihn befähigen, den Stein immer wieder aufs Neue den Berg hinauf zu rollen. Sisyphusarbeit ist also nicht vergeblich, sondern echte Menschenarbeit. Klar, das Leben ist anstrengend, bringt auch Schwierigkeiten und Niederlagen. Aber noch stärker ist die Überzeugung, dass das Leben sich lohnt und dass wir es gut bestehen können. „Wir dürfen uns Sisyphus als einen fröhlichen Menschen vorstellen,“ wie Albert Camus sagte.

Ohne Zuversicht keine Demokratie

Ein langer Atem in der Politik – und der ist nötig- braucht Zuversicht. Ohne sie kann ich mir Veränderung und Verbesserung nicht vorstellen. Können Menschen, und in welchem Umfang Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen? Die Zuversicht bringt es auf den einen Punkt und für Sozialdemokraten hat dieses Wort eine besondere Bedeutung: Fortschritt.

150 Jahre SPD – wir „Sozis“ waren von Beginn an überzeugt, dass Fortschritt möglich ist. Wir leben heute in einer stabilen Demokratie und in einem Sozialstaat. Ohne die Zuversicht auf Fortschritt wäre diese Entwicklung nicht denkbar gewesen. In diesem Zusammenhang zitiere ich gerne Karl Richter, einen Sozialdemokraten, mit dem ich vor Jahren anlässlich seines hundertsten Geburtstages ein Gespräch führen konnte. Dieser Mann war 87 Jahre lang Mitglied der SPD und der Gewerkschaften. In diesem Gespräch brachte er das Resümee seines Lebens auf den Punkt: Wir müssen das Leben nehmen wie es ist, aber wir dürfen es nicht so lassen!

Hier kommt für mich die zentrale Idee zum Ausdruck, für die die Zuversicht steht: Wir müssen die Verhältnisse gestalten und wir haben die Gewissheit, es zu können. Wir haben eine Vision davon und auch die Bereitschaft, dafür zu kämpfen.

Zum Beispiel die Idee der Demokratie. Sie allein auf das Wahlrecht zu beschränken, das es seit 1919 gibt, wäre zu bescheiden. Der wirkliche Kern von Demokratie, das ist für mich die Anerkenntnis der Gleichwertigkeit aller Menschen. Keiner Herr und keiner Knecht, niemand oben, niemand unten. Es hat Jahre und Jahrzehnte gedauert, bis diese Vorstellung gesellschaftfähig wurde und mehr und mehr zur tragenden Überzeugung. Demokratie war ein Schimpfwort, als diese Bewegung vor 150 Jahren begann. Und erst in unserem Grundgesetz von 1949 steht, Artikel 1 (1): Die Würde des Menschen ist unantastbar. Eine großartige Idee auf den Punkt gebracht. Weil es Zuversicht gab. Trotz aller Katastrophen vorher hat sie dazu ermutigt, neu zu beginnen, die Welt menschlicher zu machen.

Die langfristige Perspektive zählt

Zur Zeit machen die globalen Herausforderungen und die Finanzkrise für viele Menschen Zuversicht schwer. Umso wichtiger, nicht aufzugeben. Ein kurzer Blick zurück: In den siebziger Jahren ist uns klar geworden, dass wir dabei sind, die Erde zu zerstören. Die große ökologische Bewegung hat seitdem neue Zuversicht stiften können. Gewonnen ist die Sache noch nicht, aber verloren doch auch nicht; es bewegt sich was. Um nun den Finanzkapitalismus einzuhegen und in Regeln zu zwingen, brauchen wir große internationale Anstrengungen. Und dazu den Primat der Politik global, der verhindert, dass Geld die Welt gegiert. Ich bin zuversichtlich. Es wird dauern und noch Anstrengung fordern und vielleicht Rückschläge mit sich bringen, -aber es wird gelingen. Ich setze mit meiner Zuversicht auf die internationale informelle Fraktion der Gutwilligen, der Demokraten, der Menschenrechtler. Dazu noch kurz der Hinweis auf die vergangenen 50/60 Jahre: Seit 1948 sind die Menschenrechte in der UN-Charta verankert. Unser Grundgesetz und die EU-Charta sind daran orientiert. Heute mischen wir uns als UNO ein in den Umgang mit den Menschenrechten in anderen Ländern. Noch vor zwei Generationen wäre eine solche Politik undenkbar gewesen. Ich kannte noch ältere Politiker, die empfahlen, sich aus den Menschenrechtsproblemen, den Bürgerkriegen und ethnischen Konflikten anderer Länder auf jeden Fall herauszuhalten. Heute stiften die internationalen Verflechtungen Zuversicht, dass ein solches Engagement geboten ist und Erfolge in der Sache bringen kann. Eine Politik der Menschenrechte kann etwas bewirken.

Und es gibt auch keinen Grund, in Sachen Europa auf die Zuversicht zu verzichten. Dabei ist klar: Wenn Europa seine Demokratie nicht festigte und stabilisierte, wenn die europäischen Länder sich gegenseitig im Stich ließen, wäre das ein verhängnisvoller Rückschlag. Hier gilt wieder: Das Bessere kommt nicht von allein, aber es ist möglich.

Hoffnung – Glauben – Zuversicht

Natürlich muss Zuversicht sich immer auch am Leben, an den Ergebnissen messen lassen und beweisen. Sie zu inflationieren – als Beschwörungsformel – macht keinen Sinn. 2008/09 war ich lange Zeit zuversichtlich, dass die Sozialdemokraten die Bundestagswahl gewinnen. Es kam ganz anders. Da hat meine Zuversicht nicht getragen. Deshalb hier ein paar Zeilen zu ihrer problematischen Nähe zur Hoffnung und zum Glauben. Diese beiden – Hoffnung und Glaube – sind passiv im Vergleich zur Zuversicht. Diese Zuversicht hat Selbstbezug und bedeutet Selbstverpflichtung. Sie findet aktiv in der Manege statt, nicht passiv auf der Tribüne. Sie kann scheitern, aber sie ist immer nur Scheitern auf Zeit. 2009 haben wir nicht gewonnen, aber eines der wichtigen Grundbedürfnisse der Menschen ist Sicherheit. Auch das hat mit Zuversicht zu tun. Wir wollen sicher sein, dass es gut weitergeht. Reden von Politikern haben oft als Botschaft: Ich kann es nicht fest versprechen, aber ich sehe Anlass, dass es gut werden kann, wenn….. Sicherheit muss erarbeitete werden.

Ein kurzer Blick auf das Wort Zuversicht ganz konkret. Stecken in diesen drei Silben von Zu-ver-sicht nicht die Worte Sicherheit und Sicht und Zukunft? Die Zuversicht schaut ja in der Tat nach vorne und ist auf die Zukunft gerichtet. Wer zuversichtlich ist, blickt mit Selbstgewissheit und Selbstvertrauen in die Zukunft. Kann sein, dass die Liebe zum Leben der eigentliche Treibsatz ist für Zuversicht.

Zuversicht braucht Visionen

Noch ein Gedanke zu diesem Zusammenhang. Wollen wir Menschen für eine gute, aber ferne Sache begeistern, dürfen wir ihnen nicht das fertige Boot schenken, sondern sollten ihnen Lust und Sehnsucht machen auf die Weiten der Meere. Auf das Neue. Eine alte Weisheit: Ziele setzen die Liebe zum Leben frei und lassen Zuversicht gewinnen, dem Ziel nahe kommen zu können. Sie machen Mut, nicht Übermut.

Umwege werden akzeptiert und Verzögerungen, denn das Ziel lohnt die Anstrengung und die Geduld.

Auf den politischen Alltag gewendet: Ich bin guten Mutes. Und wenn sich Dinge bewegen sollen, können wir das nur gemeinsam erreichten. Die Freiheit des Einzelnen, die Gerechtigkeit in der Gesellschaft und die Solidarität in der Gemeinschaft sind aufeinander bezogen. Wir Politiker bündeln dies in einer Partei, andere organisieren sich in Initiativen oder Verbänden. Mich macht es zuversichtlich, dass so viele Menschen, ohne ihre Individualität aufzugeben, sich gemeinsam für große Ziele engagieren und dazu pragmatisch Partei ergreifen und in einer Partei zusammenarbeiten. Seit 150 Jahren. Parteinahme und Parteisein ist für mich auch ein Ausdruck von Zuversicht.

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