Franz Müntefering

Mitglied des Deutschen Bundestages

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Reden und Aufsätze

Liebe zur Politik

Franz Müntefering im Interview mit Justus Bender im Mai 2012

Herr Müntefering, Sie waren lange Zeit einer der mächtigsten Männer in Deutschland. Haben Sie die Macht damals geliebt?

Liebe ist wohl doch ein zu großes Wort, Macht auch. Aber es machte schon Spaß. Du bist in der Rolle des Regisseurs, du hältst hundert Fäden in den Händen und steuerst viel. Ab und zu gewinnst du, manchmal verlierst du. Das ist oft vor allem Liebe zum eigenen Leben, die dich antreibt. Du hast die einmalige Chance, einige Jahrzehnte zu leben und Gutes daraus zu machen.

Diese Liebe zum eigenen Leben, ist das auch ein Stück weit Selbstverliebtheit?

Ich sage nicht nein. Aber Hannah Arendt hat das besser formuliert: Politik ist angewandte Liebe zum Leben.

Was Arendt meinte, war vermutlich aber nicht die Parteipolitik unserer Tage.

Ja, klar. Überhaupt ist Parteipolitik nur ein Unterthema der Politik. Es geht um die Frage, wie Menschen gleichberechtigt und gut leben können. Und das in einer sich schnell verändernden Welt. Das erfordert auch Parteinahme, Parteipolitik.

Aber was hat diese Politik mit Liebe zu tun?

Demokratische Politik meint das Leben jedes einzelnen Menschen und will, dass es gelingen kann. Dass Glück möglich ist. Das geht nicht in Diktaturen und in Not. Das geht mit Freiheit und Gerechtigkeit.

Sie halten Politik wirklich für eine Form von Liebe?

Ja. Politiker haben durch Wahl die ausdrückliche Aufgabe, dafür Pfadfinder und Lenker zu sein.

Und Nicht-Politiker sollen dann wie Schäfchen folgen?

Natürlich nicht. Auch die sind doch gesellschaftspolitisch engagiert, in Initiativen, NGOs, Gewerkschaften, Kirchen, Verbänden. Auch da wird Politik gemacht, und auch da gilt die Liebe zum Leben. Meine eigene Erfahrung ist die des Politikers.

Wenn Sie die Politik mit einer Form des Liebens vergleichen, klingt das – mit Verlaub - sehr schwärmerisch. Die meisten Politiker arbeiten aber so viel, dass die wirkliche Liebe im Privatleben eher leidet.

Das kann passieren. Aber das ist kein spezifisches Politikerproblem.

Und wie war es bei Ihnen?

Es hat sich gegenseitig ergänzt, manchmal erschwert, manchmal beflügelt. Meine erste Ehe ist kaputtgegangen. Ich hatte früh geheiratet, mit einundzwanzig. Irgendwann war der Tank bei mir leer. Und die politischen Termine dominierten immer mehr.

Wann hatten Sie denn Zeit für die Familie? An den Wochenenden?

Oft nicht einmal dann. Je tiefer man drinsteckt, desto mehr Zeit verschlingt der Beruf. Im Nachhinein denke ich: Vielleicht wäre es besser gewesen, damals die Familie nach Bonn mitzunehmen. Aber das habe ich damals nicht erkannt.

Ihre zweite Frau, Ankepetra, war Mitarbeiterin der SPD-Fraktion. Hat es das leichter gemacht?

Ja, der Hauptarbeitsplatz war für uns beide in Bonn, und wir wohnten in einer Stadt. Zeitweise war ich in Düsseldorf im Kabinett. Aber das war ja nebenan. Es war ein gutes Leben. Dann ist sie schwer erkrankt und 2008 gestorben. Es war eine schwierige, aber auch schöne Zeit bis zu ihrem Tod.

Eine schöne Zeit?

Es war schwierig, anstrengend und auch schön, ja. Ich war extrem angestrengt, oft übermüdet. Aber es gab immer Stunden, Zeiten, die sehr gut waren. Wir waren einander nahe. Manchmal waren wir tieftraurig. Aber im Grunde ist das eine ganz besondere Sache, wenn man das Leben so miteinander und beieinander bis zum Schluss erlebt. Auch schwierige Lebensphase können schön sein, doch.

Wie konnten Sie Berufspolitiker sein und sich gleichzeitig um Ihre Frau kümmern?

Eigentlich gar nicht. Ich war immer unter Zeitdruck. Ich war ja teils gleichzeitig Fraktions- und Parteivorsitzender. Tagsüber in der Fraktion, abends im Willy-Brandt-Haus, so war das oft. Und manche Nacht verbrachte ich im Krankenhaus, wenn Ankepetra dort war. Das half uns.

Sie sind einmal während einer Rede im Wahlkampf vor laufenden Kameras ohnmächtig geworden. War das eine Folge dieser Belastung?

Ja, das war in Homburg. Da deutete sich ein Herzproblem an, und ich war ziemlich platt. Ich war bis spätabends im Büro, die Nacht im Krankenhaus, ging morgens früh Joggen und gleich wieder zu einem Termin. Meine biologische Uhr raste. Das hat mich an Grenzen geführt. Aber: Das war auch Adrenalin. Es hat Freude gemacht. Ich beklage mich nicht. Es war gut.

Irgendwann haben Sie sich in diesem Zwiespalt entschieden: für die Liebe zu Ankepetra, gegen die Liebe zur Macht.

Sie meinen den Herbst 2007. Auf dem Parteitag in Hamburg bekam ich den Anruf, dass Ankepetra in die Klinik musste. Sie wurde wieder operiert. Da ging nicht mehr beides gleichzeitig. Das Wichtigste für uns beide war, zusammen zu sein. Also bin ich aus dem Kabinett ausgeschieden. Wir waren dann zusammen in Bonn, zu Hause. Die Kinder waren oft dabei, auch ihre Brüder. Es war eine intensive, private Zeit.

Ihr Rücktritt war ein Paukenschlag. Sie waren Vizekanzler und Bundesminister für Arbeit und Soziales und legten alles nieder. Viele Menschen fanden es sehr respektabel, dass Sie für Ihre Frau ein so großes Opfer brachten.

Es war kein Opfer.

Nein?

Nein. Ich habe das für uns gemacht, für sie, aber auch für mich selbst. So etwas hilft einem, mit der Situation fertig zu werden und nicht völlig darin zu versinken. Wir hatten dann immer Zeit, gemeinsam zu frühstücken oder im Garten zu sitzen, in der Sonne, bei den Blumen. Die Blumen waren uns sehr wichtig.

Haben Sie in solchen Momenten im Garten manchmal bereut, dass Sie in Ihrem Leben nicht öfter Zeit für solche Dinge hatten?

Ehrlich gesagt: Nein.

Wieso nicht?

Mein Beruf hat mir Spaß gemacht. Warum sollte ich ihn bereuen? Wenn einem der andere ganz besonders viel wert ist, kann man trotzdem etwas verändern, ohne an ein Opfer zu denken.

In der Öffentlichkeit wirkte es, als würden Sie Ihre gesamte Karriere hinschmeißen.

Ich habe nicht hingeschmissen. Ich bin ja Abgeordneter geblieben, habe mich bald wieder in die Politik eingemischt.

Ist Ihr Leben heute noch politischer, weil Ihre heutige Frau auch Politikerin ist?

Nein. Politik ist uns wichtig, dominiert uns aber nicht. Es bleibt Luft für ein Privatleben.

Wenn Sie nicht über Politik reden mit Ihrer Frau, worüber dann?

Über „Dark Shadows“ zum Beispiel, den Film von Tim Burton. Den haben wir uns angesehen.

Tim Burton macht oft sehr düstere Filme.

Nicht nur. Denken Sie an „Edward mit den Scherenhänden“ oder „Charlie und die Schokoladenfabrik“, solche Filme haben auch etwas Märchenhaftes, sie sind poetisch. Wir sehen auch viele Serien. „Dr. House“ und „Westwing“ kenne ich inzwischen ein bisschen. Die sind nett, ein bisschen amerikanisch und verrückt. Die „Simpsons“ sind total prima.

Wir müssten wahrscheinlich schmunzeln, wenn wir Franz Müntefering im Kino mit einer Tüte Popcorn treffen würden.

Das mag sein, aber das ist meine Realität.

Was ist das Wichtigste, was Sie von Ihrer Frau lernen können?

Dass ein anderer Lebensstil auch interessant sein kann. Michelle bringt mich zum Reisen. Das ist neu für mich, denn ich bin ein ausgewiesener Provinzler. Inzwischen weiß ich, wo es in Amsterdam das beste Bagel-Frühstück gibt, kenne Bad Gastein im Winter und den Comersee im Sommer und war in Manhattan. Und sie lebt mit den neuen Medien. Ich beherrsche die Medien nicht, aber lerne sie schätzen. Im Übrigen heißt lernen ja nicht, alles nachzumachen. Aber es ist schon spannend, hält lebendig.

Ihre Frau möchte Bundestagsabgeordnete werden. Wir stellen uns das interessant vor, wenn Franz Müntefering, der große Stratege, zu Hause in der Küche sitzt und an der Wahlkampfstrategie seiner Frau mittüftelt.

Ich helfe, wo ich kann, aber ich bin dabei nicht der, der die Dinge lenkt. Sie muss, was sie für sich als Aufgabe sieht, selbst wissen. Weiß sie auch. Michelle hat Kontakte und einen viel größeren Freundeskreis als ich.

Kann man in der Spitzenpolitik überhaupt Freunde haben?

Doch. Ich selbst war da aber immer zurückhaltend. In jungen Jahren verunglückte mein bester Freund Berthold tödlich. Seit damals hat es immer lange gedauert, bis ich neue Freundschaften schloss. Es gibt ein Interview mit Gerhard Schröder und mir, in dem er gefragt wird, was er sich wünscht. Er sagte: „Dass Müntefering und ich befreundet sind.“ Und ich sagte zurückhaltend: „Nee, nee.“ Gerd war wahrscheinlich nicht glücklich darüber. Manchmal ist man ungeschickt, das war ich auch in dem Moment, gelinde gesagt.

Reden Sie manchmal noch mit Gerhard Schröder?

Nicht oft. Manchmal, gerne. Er war ein guter Kanzler!

Also leben Sie recht zurückgezogen?

Privat ja. Ich vermisse nichts. Ich kann gut allein sein. Und als Abgeordneter bin ich ja immer noch viel unterwegs. Ich brauche auch keine Bühne.

Das klingt radikal für jemanden, der so viele Menschen kennt wie Sie. Ist es nicht seltsam, unter den Freunden Ihrer Frau der Älteste zu sein?

Überhaupt nicht. Was ist schon Alter? Bei solchen Gelegenheiten sitze ich dann manchmal zwischen Jungsozialisten aus Herne, die sind zwischen zwanzig und dreißig, erzählen ein bisschen oder höre einfach zu und finde das ganz gut. Jugend macht neugierig und lässt hoffen. Meistens ist das Durchschnittsalter in politischen Runden allerdings deutlich höher. Auch da bin ich gerne dazwischen. Ich habe gerade mein gefühlt fünfhundertstes SPD-Sommerfest besucht.

Kein Gefühl von Einsamkeit oder Sprachlosigkeit?

Kein Stück, ich lebe gut so. Ich habe meine Frau, meine Familie, einige Bekannte, Bücher und genug zu tun. Vielleicht bin ich zu wirklicher Langeweile gar nicht fähig.

Gibt es ein Alter, von dem an man auch an das Lebensende denkt?

Ein Freund aus Sundern hat mir kürzlich geschrieben, dass ein Schulkamerad gestorben ist, den ich geschätzt habe. Das sind dann so Augenblicke, in denen man denkt: Schitte.

Die Einschläge kommen näher.

Ja, die Einschläge kommen näher. Aber noch geht es weiter.

Wie müssen wir uns Sie als Ehemann vorstellen? Einem Machtmenschen wie Ihnen muss es leicht fallen, die Kompromisse einer Ehe zu seinen Gunsten auszulegen.

Es geht doch bei der Macht nicht darum, dass man etwas auszulegen hat, sondern dass man Verantwortung hat, dass man überzeugt ist und überzeugend.

Herr Müntefering, etwas vermissen wir in diesem Gespräch: den berühmten Münte-Sprech. Liest man Interviews mit Ihnen von früher, dann bestehen viele Antworten aus höchstens zwei kurzen Sätzen.

Da sehen Sie mal, ich kann auch längere Sätze.

Ist das ein neuer Stil?

Ich habe früher selbst gezielt zu dieser Marke beigetragen und musste manchmal dabei auch grinsen. Aber im Ernst: Es hat mich immer geärgert, dass manche Leute lange Reden halten, weil sie entweder nicht wissen, was sie reden, oder weil sie mit vielen Worten vertuschen wollen, was sie eigentlich meinen. Ich bin für Wahrheit und Klartext, aber sicher gelingt das nicht immer. Weder im Langen noch im Kurzen.

Eines würde uns noch interessieren: Jemand, der eine so pointierte Art zu sprechen hat wie Sie – wie macht der einen Heiratsantrag?

Es gibt einen tollen Aphorismus von Stanislaw Jerzy Lec: „Ein genialer Gedanke braucht keine Worte“. Das finde ich auch.

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